Linguistik online  10, 1/02

Vorwort der Herausgeberin

Elke Hentschel (Bern)


Abermals: Fremdsprachenlernen.

 

Dies ist das zweite Heft in Folge, das sich mit Fragen des Fremdsprachenlernens befasst — was sicherlich als ein Zeichen dafür gewertet werden kann, dass dieses Thema sich ungebrochener Aktualität erfreut. Der programmatische Beitrag stammt dieses Mal von Theo Harden (Dublin) und befasst sich mit einer stillschweigenden Vorannahme, dass Lernende eine positive Einstellung gegenüber der zu erlernenden fremden Sprache, der fremden Kultur haben, an deren Umsetzung sie nur durch mangelnde Kenntnisse gehindert werden, und dass besseres Verstehen somit auch in einen besseren Umgang miteinander mündet. Wie Harden überzeugend darlegt, ist dies eine wenig realistische Annahme. Empathisches, nachvollziehendes Verstehen, ist keineswegs mit Sympathie identisch. Douglas Adams Gedanke aus dem Roman The Hitchhiker's Guide to the Galaxy (1979), wo dem unschuldigen "Babel Fish", der alle Schranken und Hindernisse der Verständigung ausräumt, die Schuld an mehr und blutigeren Kriegen zugeschrieben wird als irgend etwas anderem, findet hier sein wissenschaftlich fundiertes Pendant.

 

Unter der Überschrift "Einzelfragen" sind sehr unterschiedliche Fragestellungen zusammengefasst. Mohammad R. Talebinezhad und Mohammad Aliakbari (Isfahan, Iran) beschäftigen sich mit der Auffassung von Englisch als Fremdsprache, als Zweitsprache und als internationale Sprache im Kontext des Iran. Merle Jung (Tallinn) betrachtet unter dem illustrativen Titel "Bei Tische halte ich mich unter" die Anwendung von Sprachspielen im Fremdsprachenunterricht, und Doris Grütz (Weingarten, Deutschland) untersucht im selben Zusammenhang die Fachsprache wirtschaftswissenschaftlicher Vorlesungen als Thema des DaF-Unterrichts, wobei sie sich einerseits mit metakommunikativen Äußerungen, die die Textstruktur sichtbar machen, und andererseits mit der Fachlexik beschäftigt. Auf der Basis ethnographischer Daten geht schließlich Torsten Schlak (Osaka) der Frage nach, ob und wie sich grammatikbezogene Lernstrategien im Wirtschaftsdeutschunterricht an der Universität von Hawai'i vermitteln lassen.

 

Die beiden Beiträge zu "Grammatikproblemen" betreffen ebenfalls ganz unterschiedliche Komplexe. Während bei dem Aufsatz von Michael Richter (Kleve) zu Skopusphänomenen im Zusammenhang mit semimodalen Verben die Analyse eines Problems vorlegt, ohne sogleich auch gleich die Umsetzung zur Anwendung für den Fremdsprachenunterricht zu präsentieren, werden bei Elke Hentschel (Bern) umgekehrt grammatische Regeln auf ihre Funktionalität speziell im Bereich des Fremdsprachenunterrichts untersucht.

 

Last but not least gibt es in diesem Heft auch wieder einen Beitrag unter der Rubrik "Kontrovers diskutiert": Thomas Studer (Freiburg, Schweiz) setzt sich kritisch mit verschiedenen Auffassungen zum Einsatz von Dialekten im Fremdsprachenunterricht auseinander und nimmt dabei auch den Diskussionsfaden aus dem letzten Heft von Linguistik online wieder auf.


 Linguistik online 10, 1/02

ISSN 1615-3014