Linguistik online  13, 1/03

Oralität, Prozess und Struktur [*]

Johannes Kabatek (Freiburg im Breisgau)



Lange bevor ich Harald Weydt persönlich traf, waren mir einige seiner Schriften gut bekannt. Neben den berühmten Arbeiten zu den Partikeln waren es vor allem zwei Beiträge, die mich immer wieder beschäftigt haben, und beide sind in Verbindung mit Brigitte Schlieben-Lange entstanden, die auch das unmittelbarste Bindeglied zwischen Harald Weydt und mir war. Natürlich verband uns auch die gemeinsame Schule und die Beziehung zu Eugenio Coseriu, doch war Harald Weydt lange vor mir durch diese Schule gegangen und schon lange groß geworden. Durch Brigitte Schlieben-Lange lernten wir uns in Tübingen kennen, und ich fand es immer faszinierend, welch spezielle Freundschaft zwischen ihr und Harald Weydt bestand, denn beide konnten in einer beneidenswerten und harmonischen Art gemeinsam produktiv sein, eine eher seltene Konstellation, in der sich gegenseitige Schaffenskraft wirklich kreativ ergänzt. Ich hatte zunächst gedacht, für diese Festschrift ein Thema wieder aufzunehmen, mit dem ich mich in meiner Habilitationsschrift auseinandergesetzt habe und das dereinst von Eugenio Coseriu, Brigitte Schlieben-Lange und Harald Weydt gemeinsam diskutiert worden war: die Frage nach der Historizität von Sprechakten (Schlieben-Lange /Weydt 1979). Hier habe ich stets dazu tendiert, der Ansicht Harald Weydts beizupflichten und Sprechakte als ahistorisch anzusehen. Ich tendiere sogar noch weiter dazu, die gesamte Fragestellung umzudrehen und die Ahistorizität der Sprechakte als definitorisches Kriterium zu verwenden und solche vermeintlichen Sprechakte, die historisch bedingt sind, zu den Traditionen des Sprechens einer Kultur oder zur Historizität einer Sprache zuzuordnen. Doch möchte ich hier ein anderes Thema ansprechen, das auf einen zwar älteren, aber auch heute noch fundamentalen, klärenden Beitrag, den Harald Weydt und Brigitte Schlieben-Lange in der ersten großen Coseriu-Festschrift verfasst haben (Weydt/Schlieben-Lange 1981), Bezug nimmt: auf die Frage von Grammatik und sprachlicher Variation, und, innerhalb der Frage der sprachlichen Variation, das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit.

Vor einigen Jahren schlug ich in einer Arbeit, in der Sprache der Taxifahrer in Mexiko und Madrid miteinander verglichen wurde (Kabatek 1994) und in dem es eigentlich darum ging, eine "interurbane Soziolinguistik" vorzustellen, eine strukturalistische Interpretation einiger der beobachteten Phänomene vor. Das Ziel dieses Aufsatzes war einerseits methodologisch, indem es darum ging, Kriterien vorzuschlagen, die zur Auswahl einer bestimmten sozialen Gruppe herangezogen werden könnten, deren sprachliche Eigenschaften als Grundlage für den Vergleich von Varietäten einer Sprache in verschiedenen Städten dienen könnten. Andererseits war das Ziel ein empirisches, da es mir darum ging, die gegensätzlichen Tendenzen des phonologischen Systems des Spanischen zu beiden Seiten des Ozeans aufzuzeigen. Nun zeigte es sich, dass wie in vielen sprachlichen Situationen auch hier bestimmte sprachliche Unterschiede nach dem Grad der Formalität der Aussagen zu beobachten waren. Es ging also in jener Arbeit darum, die unterschiedlichen phonetischen Tendenzen hervorzuheben, die sich in der spontanen Aussprache der Taxifahrer aus Madrid und Mexiko beobachten ließen und die im Kontrast zu der offensichtlich relativen sprachlichen Einheit auf formellem Niveau standen. Auf informeller Ebene zeigte sich nämlich, dass die Tendenzen der Madrider Taxifahrer vor allem das Konsonantensystem betrafen, wohingegen die Tendenz der mexikanischen Taxifahrer gerade die gegenteilige war, nämlich diejenige, das Vokalsystem zu verändern bei gleichzeitiger Bewahrung des "traditionellen" Konsonantensystems. Wir hatten es hier also mit einem Fall der kontrastiven Beschreibung eines möglichen "change from below" (cf. Labov 1994: 78ff.) zu tun, mit sprachlichen Innovationen, die im spontanen Gespräch, in der Oralität [1] geschaffen wurden. Die Interpretation des Phänomens der mexikanischen Vokalsynkopen, die ich in dem erwähnten Aufsatz vorgeschlagen hatte und die auf andere, ähnlich gelagerte Phänomene übertragbar ist, war die folgende:

"Suponiendo la existencia de una variedad sintópica y sinestrática de los taxistas de la Ciudad de México, se puede observar variación diafásica en por lo menos dos estilos diferentes:

a) estilo formal, elaborado, con orientación en la variedad escrita,
b) estilo informal, menos elaborado, de concepción oral.

En cuanto a las vocales, las características de las dos variedades son las siguientes:

a) se pronuncian todas las vocales como en la lengua escrita, salvo en casos ya lexicalizados,
b) se pueden pronunciar todas las vocales, o pueden caer todas las vocales átonas e incluso tónicas según ciertos criterios como la expresividad, el entorno consonántico, tema/rema, importancia de lo dicho en el discurso etc.

Hay elementos que pueden pasar del estilo b) al estilo a), si en b) la caída vocálica es general. Son casos de lexicalización en b) y de interferencia con b) en a).

Los criterios de elección de uno u otro estilo pueden ser los siguientes:

a) intención de hablar de manera formal, porque este estilo se considera socialmente más elevado o con más prestigio, intención de hablar con más claridad, p.ej. cuando se habla con extranjeros, intención de distanciarse, etc.
b) intención de hablar en un estilo informal, relajado, familiar, libre, oral, de poca distancia, etc." (Kabatek 1994: 13)

Die Schlussfolgerung erscheint mir immer noch gültig, doch etwas partiell und reduktiv, vor allem wenn man versucht, über einen rein strukturellen Rahmen hinauszugehen, ohne diesen deshalb völlig zu verlassen. [2] Jedenfalls finden wir hier einige zentrale Aspekte, die bei der Beschreibung sprachlicher Varietäten und ihrer Beziehung zu Oralität und Literalität fundamental erscheinen:

- die Tatsache, dass die Varietäten aus der Perspektive des Sprachsystems (welche nicht die einzige ist) als diskrete Einheiten beschrieben werden können und müssen,

- die Tatsache, dass die Varietäten im Sprechen nicht notwendigerweise unmittelbar als solche erscheinen müssen und dass die Kopräsenz verschiedener Varietäten in der Kompetenz eines Individuums dazu führen kann, dass sich Interferenzen und eine kontinuierliche Beziehung zwischen Kontaktvarietäten ergeben können,

- die Tatsache, dass es in Gemeinschaften, in denen eine Schriftsprache vorhanden ist, eine zentrale Beziehung zwischen diaphasischer Variation und dem Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache besteht.

In den letzten Jahren habe ich mich wiederholt mit der Frage der sprachlichen Variation im Spannungsfeld von Schriftlichkeit und Mündlichkeit auseinandergesetzt (cf. u.a. Kabatek: 1994b, 1999, 2000a, 200b), weshalb ich nun versuchen werde, die Beobachtungen von vor etwa zehn Jahren vor diesem Hintergrund zum Anlaß für einige erweiternde und ergänzende Ausführungen zu nehmen.

Der Strukturalismus, das über weite Teile des 20. Jahrhunderts prädominierende Paradigma der Sprachwissenschaft, scheint zunächst der sprachlichen Variation eher feindlich gegenüber zu stehen. Saussures langue ist per definitionem einheitlich und Saussure selbst fordert die Eliminierung der Variation als methodologisches Prinzip, das der Analyse der Funktion eines Sprachsystems vorangeht. Sollte es notwendig sein, muss man bis zum entferntesten Dialekt gehen, um eine langue ohne Elemente zu finden, die aus der Mischung mit anderen Sprachen resultieren. Es geht also darum, ein homogenes und einheitliches Sprachsystem zu finden [3].

Aufgrund der Schwierigkeit, solche einheitlichen Systeme tatsächlich zu finden, erwies sich dieses methodologische Prinzip im Laufe des 20. Jahrhunderts als Sackgasse, zu welcher die Linguistik im Wesentlichen zwei Alternativen vorgeschlagen hat:

- die völlige Ablehnung der Saussureschen Theorie und des Strukturalismus insgesamt als willkürliches, künstliches und unangemessenes System zur Sprachbeschreibung,

- die Kritik eines absoluten Strukturalismus, die davon ausgeht, dass es Strukturen und strukturierte Teile der menschlichen Sprache gibt, Systeme, die man als solche beschreiben kann und muss, die aber gleichzeitig Erweiterungen und Alternativen für die Beschreibung des Nichtstrukturellen vorschlägt. Ich werde weiter unten auf die erste Tendenz zurückkommen.

In Bezug auf die zweite sind bekanntlich die terminologischen Erweiterungen von Leiv Flydal (1951) bald zu Klassikern geworden, die in Analogie zum Konzept und Begriff der diachronischen Variation die diatopische und distratische Variationsdimension einführen. Diese Konzepte sind insbesondere durch Eugenio Coseriu, unter dessen Einbeziehung der dritten Dimension der Architektur der historischen Sprache, der diaphasischen oder stilistischen Variation, bekannt geworden (cf. Coseriu: 1980).

Es kann nie genug betont werden, dass diese Konzepte innerhalb des Strukturalismus entwickelt worden sind und dass sie ursprünglich zum Ziel hatten, eine adäquate strukturelle Beschreibung zu ermöglichen. Später wurden sie weit verbreitet und auch in völlig anderen Kontexten verwendet. Zunächst setzen diese Termini die Forderungen de Saussures konsequent um: vor einer strukturellen Analyse muss eine homogene Varietät isoliert werden. Das heißt, dass in dem dreidimensionalen Gebäude der historischen Sprache eine syntopische, synstratische und symphasische Varietät vor der Untersuchung isoliert werden muss.[4] Oft geschieht dies jedoch nur implizit. Wenn etwa eine Beschreibung des "phonologischen Systems des Spanischen" ohne weitere Präzisierungen vorgeschlagen wird, so wird im Allgemeinen - zumindest im Prinzip - von einer syntopischen Varietät (eines bestimmten Ortes), einer synstratischen Varietät (der Varietät bestimmter sozialer Gruppen) und einer symphasischen Varietät (der Varietät einer bestimmten kommunikativen Situation) ausgegangen. Meist handelt es sich dabei um den so genannten Standard, dem meist am nächsten die gepflegte Aussprache der gebildeten Personen der Städte kommt. Zuweilen werden in sprachlichen Untersuchungen Präzisierungen der einen oder anderen Dimension gegeben, wobei die anderen implizit bleiben, wenn etwa vom Vokalismus des Ostandalusischen die Rede ist, ohne zu präzisieren, dass man in Wahrheit von der Varietät der Ostandalusier bestimmter sozialer Schichten in bestimmten Situationen (im Allgemeinen informellen Situationen) spricht.

Wenn in einer strukturalistischen Arbeit versucht wird, den Status einer bestimmten Varietät zu bestimmen, so wird weder der "Gebrauch" dieser Varietät im Sprechen der Individuen bestimmt noch etwa die Beziehung dieser Varietät zur Frage von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Der Grund ist ganz einfach: es geht ja bei der strukturellen Beschreibung keinesfalls darum, diese Fragen zu leugnen, sondern um die Tatsache, dass das Ziel der Beschreibung dieser Varietäten gerade die Suche nach Homogenität innerhalb der Heterogenität ist. Die Heterogenität aber wird in der strukturalistischen Variationstheorie eher in negativer Hinsicht beschrieben, nämlich als das, was bewusst mit Hilfe einer bestimmten Methode ausgeschlossen wird. Und die Besonderheiten der Schriftsprache werden meist schon dadurch ausgeschlossen, dass man vom Gesprochenen als primärer Erscheinungsform der menschlichen Sprache ausgeht [5]. Das "Missverständnis" entsteht, wenn strukturalistische Konzepte, deren Ziel schließlich der Ausschluss der Variation ist, als geeignet herangezogen werden, um die gesamte Variation zu beschreiben. Das ist, als ob man in der Kartographie versuchen würde, von zweidimensionalen Karten ausgehend das Relief, die Materie oder die Farben der Berge zu rekonstruieren. Die Tatsache, dass diese Elemente in den Karten nicht vorhanden sind, rechtfertigt in keiner Weise die Zurückweisung derselben als irreelle Erfindungen, sondern sollte eher dazu führen, dass eine andere Methode und eine andere Terminologie angewendet werden muss, um das zu beschreiben, was nicht in den Karten erscheint.

Ausgehend von diesem grundsätzlichen Missverständnis werden oft noch weitere geschaffen, die im Grunde nichts als dessen sekundäre Auswirkungen sind. So hat Gaetano Berruto zwar Recht, wenn er von der "l'inadeguatezza della nozione strutturalista classica di 'sistema' [...] per cogliere e descrivere la variazione linguistica" (Berruto 1987: 27) spricht und beobachtet, dass empirisch nicht nur "diskrete" Varietäten, sondern "Kontinuen von Varietäten" gefunden werden können. Und er hat Recht in dem Sinn, dass nicht alles Variationelle als Variation des Systems beschrieben werden kann. Dies heißt aber noch lange nicht, dass der Begriff des Systems als solcher unnütz wäre, auch wenn bestimmt zutreffend ist, dass die variationelle Beschreibung der "sprachlichen Systeme" nicht ausreicht, um einerseits die Akte der "Verwendung" der Varietäten, andererseits etwa die Frage des Bewusstseins der Sprecher in Bezug auf die Variation und schließlich die Beschreibung der Variationen in ihrer Gesamtheit zu beschreiben. Die Unzulänglichkeit der traditionellen Begriffe zeigt sich immer wieder bei den Versuchen, diese durch weitere zu ergänzen oder mit anderen zu kombinieren, auch wenn es dabei zuweilen zu noch größerer Verwirrung kommt. Ein Beispiel hierfür sind die verschiedenen Versuche, die Frage der Beschreibung der Variation mit Hilfe von Coserius Unterscheidung von System und Norm zu lösen. Verschiedene Autoren haben sich gefragt, ob es nicht besser wäre, von Varietäten nur dann zu sprechen, wenn es keine Unterschiede zwischen verschiedenen Systemen, aber doch zwischen verschiedenen Normen gibt. Gleichzeitig wird mitunter vorgeschlagen, Unterschiede zwischen verschiedenen Systemen als Unterschiede zwischen verschiedenen Sprachen zu bezeichnen. Peter Koch (1999) hat darauf hingewiesen, dass diese Sichtweise zumindest implizit sehr verbreitet ist. Doch wenn das Ziel des Begriffs "Varietät" zumindest in seinen Anfängen per definitionem die Situierung von sprachlichen Systemen war, so ist es absurd, es nur für Differenzen in der Norm zu verwenden. Das wäre, wie wenn man sich darüber ärgern würde, dass das Wort "Dotter" nicht das ganze Ei enthalte. Und die Aussage, man solle besser von "Sprachen" sprechen, wenn es um diasystematische Varietäten geht, ist entweder zirkulär oder sie verwechselt völlig unterschiedliche Gebiete. Sie ist zirkulär, wenn unter "Sprache" die "funktionelle Sprache" verstanden wird: die Definition einer sprachlichen Varietät im funktionellen Sinne ist eben gerade die eines von anderen unterschiedenen Systems. Wenn also gesagt wird, dass die Varietäten Sprachen sind, so würde in diesem Sinne nichts anderes gesagt, als dass die Varietäten Varietäten sind. Wenn hingegen unter "Sprache" die "historische Sprache" wie z. B. französische Sprache, spanische Sprache etc. verstanden wird, so wird der soziolinguistische Status einer historischen Sprache (als System von Varietäten) mit der Definition der funktionellen Sprache verwechselt. Würden wir nämlich eine strukturell-funktionelle Definition der historischen Sprache akzeptieren, so müssten wir auch etwa fordern, dass das Ostandalusische mit seinen sieben Vokalphonemen eine andere "Sprache" als das Kastilische sei, wohingegen das Westandalusische als dessen Varietät anzusehen wäre [6]. Wenn eine der Errungenschaften der coseriuschen Terminologie gerade die große Klarheit war, so wird diese in der Rezeption oft erneut verwischt. Doch ist kein Irrtum nur Irrtum, und hinter all diesen Versuchen terminologischer Reparaturen verbirgt sich nichts anderes als der Versuch, darauf hinzuweisen, dass es auch andere Perspektiven als die rein funktionelle geben muss. Die Lösungen für das Nichtstrukturelle können jedoch auch nicht innerhalb der strukturellen Perspektive gefunden werden.

Es geht hier eigentlich um die bekannte Tatsache, dass die Perspektive der Sprecher nicht deckungsgleich ist mit derjenigen der strukturellen Sprachwissenschaft. Den Sprechern erscheinen die sprachlichen Traditionen oder Normen tatsächlich als unterschiedlich, seien es Normen, die verschiedenen Systemen entsprechen oder nicht. Ein Westandalusier, der das Phonem /s/ in bestimmten Positionen aspiriert realisiert, kann von einem Sprecher aus Madrid als Sprecher einer anderen Varietät erkannt werden, genauso wie ein Ostandalusier, und dies obwohl der Westandalusier u. U. dasselbe, der Ostandalusier aber ein anderes System als der Madrider realisiert. Wir könnten nun versucht sein, die funktionelle Perspektive komplett zurückzuweisen und zu glauben, dass diese nur ein künstliches Produkt der Linguisten sei, das wenig mit der Rezeption und Klassifikation der Sprecher zu tun hat. Doch würde diese Schlussfolgerung den fundamentalen Charakter der Sprachsysteme als Systeme von funktionellen Oppositionen leugnen. Eine adäquate Schlussfolgerung müsste schlicht bedenken, dass die Perspektive der Tradition und die des Systems unterschiedlich sind (daher rührt ja die fundamentale Unterscheidung zwischen System und Norm) und auf dieser Basis die Frage stellen (was bisher nicht ausreichend getan wurde), welches die Relevanz der diasystematischen Unterscheidungen für die Sprecher ist. Um aber das terminologische Dilemma zu lösen (das eigentlich in der traditionellen coseriuschen Terminologie bereits gelöst war), wäre es vielleicht angebracht, eine neue Unterscheidung einzuführen und von paradotischen Varietäten (von gr. αράδοσις, "Tradition") oder einfach von dianormalen Varietäten im Falle der Perspektive der sprachlichen Normen zu sprechen und den Begriff der systematischen Varietäten oder der diasystematischen Varietäten für die funktionellen Varietäten der strukturellen Perspektive zu reservieren. Und analog zum Terminus Diasystem (der auf Uriel Weinreich zurückgeht) wäre es einfach möglich, von Dianormen.[7] zu sprechen. Diese Entscheidung könnte folgendermaßen schematisiert werden:

historische Sprache (mit Sprachbezeichnung)

 

paradotische oder dianormale Varietäten (Menge von Normen)

 

diasystematische Varietäten (entsprechende Systeme)

Ist dieser Unterschied einmal geklärt, können dadurch zahlreiche Diskussionen der Variationslinguistik gelöst werden. So gibt es etwa eine ausführliche Diskussion über die Frage, ob die sprachlichen Varietäten als diskrete Einheiten zu betrachten sind oder ob es zwischen ihnen ein Kontinuum gibt. Die funktionellen Varietäten sind per definitionem diskret, da ein System ausschließlich ein bestimmtes oder ein anderes sein kann. Zwischen den Normen kann es hingegen kontinuierliche Entwicklungen geben: so kann es zwischen der kompletten Tilgung des Phonems /s/ in implosiver Position und seiner "vollständigen" Realisierung unendliche Zwischenstufen geben, die verschiedene Grade der Aspiration umfassen. Hier würde es sich um ein Kontinuum auf der Ebene der paradotischen Variation oder der Dianormen handeln, das im Gegensatz zu den diskreten Einheiten auf der Ebene der systematischen Variation entsteht.

Wenn wir die Varietätenlinguistik, deren Ziel beim Studium der Variation die Beschreibung von Systemen und Normen ist, verlassen, so fehlt es nicht an Versuchen, die Phänomene der sprachlichen Variation einschließlich der Variation zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit vom Blickwinkel der Funktionsweise der Variation in den kommunikativen Akten zu beschreiben. In der deutschsprachigen romanistischen Tradition ist diesbezüglich der am meisten beachtete Vorschlag der letzten Jahre derjenige der Freiburger Schule, insbesondere von Peter Koch und Wulf Oesterreicher. In einer Reihe von Arbeiten haben Koch und Oesterreicher (1985, 1990, 1994, 1996) die inzwischen allgemein bekannte kommunikative Theorie von "Nähe" und "Distanz" entwickelt, zwei Begriffen, die eng mit denen von Mündlichkeit und Schriftlichkeit verbunden sind. Von Ludwig Söll übernehmen die Autoren die Unterscheidung zwischen Medium und Konzeption: zwischen graphischem oder phonischem Realisierungsmedium und schriftlicher oder mündlicher Konzeption; ein Quadrifolium, das einer bestimmten quantitativen Beziehung entspricht, nämlich derjenigen, dass üblicherweise konzeptionell mündliche Texte häufiger phonisch, konzeptionell schriftliche Texte häufiiger schriftlich realisieren werden. Hier führen nun Koch und Oesterreicher zur Vermeidung der u. U. medial verwirrenden Begriffe "schriftliche Konzeption" und "mündliche Konzeption", die schon zum festen Begriffsinventar der Romanistik gehörenden Termini "Nähe" und "Distanz" ein, die als zwei Extrempunkte eines universellen Kontinuums des Sprechens angesehen und durch eine Reihe von Parametern bestimmt werden können (cf. Koch/Oesterreicher 1985: 15; 1990: 12).

Doch beschränken sich Koch und Oesterreicher nicht darauf, ein universelles Schema kommunikativer Bedingungen zwischen zwei Polen zu präsentieren, sondern sie wenden es darüber hinaus auf die interne Organisation der historischen Sprachen und ihrer Varietäten an. Zu diesem Zwecke verbinden sie die variationslinguistischen Traditionsbegriffe mit der Vorstellung des Kontinuums zwischen Nähe und Distanz. Die sprachlichen Elemente können entlang eines Systems von Achsen diasystematischer Markierung (diatopischer, diastratischer, diaphasischer Art) bestimmt werden. Schon Coseriu hatte darauf hingewiesen, dass es zwischen den unterschiedlichen Varietäten eine gegenseitige Beziehung gibt und dass etwa eine diatopische Varietät innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft als diastratische Varietät und eine diastratische Varietät als diaphasische Varietät funktionieren kann (und folglich eine diatopische Varietät auch als diaphasische). Dieses gerichtete Prinzip, das Koch und Oesterreicher "Varietätenkette" nennen, ist laut Coseriu nicht umkehrbar. Ein Dialekt kann also als Soziolekt "funktionieren", wenn seine Sprecher als Angehörige einer bestimmten sozialen Gruppe angesehen werden; so kann auch ein Soziolekt als "Stil" funktionieren, was üblicherweise der Fall ist bei bestimmten Soziolekten niedriger Schichten, die gleichzeitig als informelle Stile funktionieren. Der Varietätenkette zwischen den drei Achsen fügen Koch und Oesterreicher zwei weitere hinzu: erstens innerhalb der Beschreibung der historischen Varietäten einer Sprache den Unterschied zwischen Nähe und Distanz im Sinne eigener Dimensionen einer bestimmten historischen Sprache, da sie davon ausgehen, dass es Elemente einer historischen Sprache geben kann, die weder als Elemente eines Dialekts, noch eines Soziolekts, noch als Stilelemente klassifizierbar sind und nur unmittelbar mit den Kriterien Nähe und Distanz erfasst werden. Dies korreliert in Schriftkulturen meist mit der Zuordnung zur gesprochenen bzw. zur geschriebenen Sprache. So wäre etwa das passé simple im Französischen in Frankreich eine Form, die weder dialektal, noch sozial, noch stilistisch markiert ist, wohl aber als "distanzsprachlich" oder "schriftsprachlich" [8]. Darüber hinaus fügen sie ihrem Modell eine zweite, "universelle" Achse von Nähe und Distanz hinzu, die als universelles Fundament aller Variationsdimensionen angesehen wird und auf alle anderen Varietätendimensionen einer bestimmten Sprache wirkt. Damit wird gesagt, dass aller sprachlicher Variation das organisatorische Grundprinzip von Nähe und Distanz zugrunde liegt. So wird etwa eine diatopisch stark markierte Form (und ebenso eine diastratisch "niedrige" oder diaphasisch "informelle" Form) mit Nähe verbunden, wohingegen eine diatopisch gering markierte Form (oder eine diastratisch "hohe" Form oder ein "formeller" Stil) eher mit Distanz in Verbindung gebracht wird. Und da das gesamte Varietätengebäude durch die beiden Hauptkriterien Nähe und Distanz organisiert ist und diese wiederum mit einer zumindest quantitativ klaren Tendenz in Bezug auf ihre mediale Realisierung im Zusammenhang stehen, ergibt sich eine - zumindest indirekte - Beziehung zwischen Medium und Varietäten:

(Schema nach Koch/Oesterreicher 1990: 15)

Das Neue ist hier, dass es nicht darum geht, das Problem der Varietäten als methodologisches Problem zur Isolierung eines Objekts (nämlich eines Sprachsystems), das außerhalb der Variation liegt, zu stellen, sondern dass versucht wird, von der gegenseitigen Beziehung der Systeme im Sprechen auszugehen. Die Perspektive ist hier nicht mehr "syn-" (syntopisch, synstratisch, symphasisch), sondern "dia-". Es geht um die Bestimmung des relativen Status der Elemente, die im Sprechen erscheinen, und zwar mit dem Ziel der Beschreibung "diasystematischer Markierungen" eines Elements, und zwar Markierungen, die nicht als absolut anzusehen sind, da es hier nicht mehr um diskrete Einheiten geht, sondern die entlang ihrer Kontinuen als relativ zu betrachten sind.

Die Begrifflichkeiten von Koch und Oesterreicher wurden vielfach übernommen. Dabei haben sie auch eine Reihe von Kritiken oder Präzisierungen hervorgerufen (cf. u.a. Kiesler 1995: 386; Albrecht 1999, Kabatek 2000b). Es wurde unter anderem kritisiert, dass hier universelle Kriterien mit solchen der Sprachen als Sprachsysteme vermischt werden. Außerdem gerate bei der Ersetzung medial geprägter Begrifflichkeiten (wie etwa "konzeptionelle Mündlichkeit und Schriftlichkeit") durch Nähe und Distanz der tatsächlich mediale Aspekt der Unterscheidung aus dem Blickfeld. Denn in Schriftkulturen wären zahlreiche Sprachentwicklungen ohne die Existenz einer Schriftsprache undenkbar - und dies obwohl selbstverständlich auch eine "Distanzsprache" in schriftlosen Gesellschaften existiert. Der am meisten umstrittene Aspekt ist jedoch wohl die Frage, ob es überhaupt notwendig ist, die Dimension von Nähe und Distanz als eigene Varietätendimension innerhalb der Architektur einer historischen Sprache hinzuzufügen oder ob es nicht sinnvoller wäre, die hierunter gefassten Unterscheidungen unter die diaphasische Dimension zu fassen. Wie schon erwähnt, finden sich in zahlreichen Sprachen Elemente, die eindeutig schriftsprachlich oder distanzsprachlich markiert sind und nicht einer anderen Dimension zugeordnet werden können. Hiergegen haben andere Sprachwissenschaftler wie etwa Jörn Albrecht (1986-1990) den Einwand angeführt, dass alle diejenigen Elemente, die von Koch und Oesterreicher als "distanzsprachlich" oder "schriftsprachlich" bezeichnet werden, problemlos als Elemente der diaphasischen Variation angesehen werden können und dass es sich bei den distanzsprachlichen Elementen jeweils um solche handelt, die als einem hohen Stil entsprechend angesehen werden.

In Kabatek (2000b) habe ich darauf hingewiesen, dass es mir nicht nötig erscheint, den traditionellen Begrifflichkeiten zur Beschreibung sprachlicher Varietäten weitere hinzuzufügen und dass es sogar dem wissenschaftlichen Grundprinzip widersprechen würde, das uns empfiehlt, die Beschreibungsebene niemals komplexer als die Objektebene zu gestalten [9]. Alle sprachlichen Fakten, die entweder als Fakten einer "diamesischen" Varietät oder einer Varietät von Nähe und Distanz angesehen werden, sind entweder universell und damit nicht der "Grammatik" eine bestimmten Varietät zugehörig (etwa Anakolute, Korrekturen, hesitation phenomena usw.) oder sie sind eben als Elemente der Diaphasik, d. h. stilistische Elemente, einzuordnen. Wenn wir nun in einer Sprache wie dem Französischen Frankreichs Elemente wie das passé simple finden, die praktisch nicht in der Mündlichkeit vorkommen, so heißt dies, dass sie einer diaphasischen Varietät angehören, die üblicherweise vor allem geschrieben wird. Man könnte auch von einem "geschriebenen Stil", der diaphasisch hoch einzuordnen ist, sprechen. In der konkreten Geschichte einer Einzelsprache werden manche Varietäten geschrieben, andere nicht (oder manche häufiger als andere). Was geschrieben wird, sind mehrheitlich Texte aus dem Distanzbereich und nicht aus dem Bereich der Nähe. Dies führt zu einer Identifikation bestimmter Varietäten mit der geschriebenen, von anderen mit der gesprochenen Sprache. Es kann sogar sprachliche Techniken geben, die innerhalb der Schriftsprache entstehen (oder, um es genauer zu sagen, die im Rahmen der sprachlichen Reflexion entstehen, die durch den Prozess des Schreibens ermöglicht wird). Doch alle diese Techniken bekommen unmittelbar einen stilistischen Wert und rücken somit in die diaphasische Variation ein. In Kultursprachen mit starker Präsenz der Schriftsprache (wie z. B. dem Französischen, dem Spanischen, dem Deutschen) kann die Identifikation bestimmter diaphasischer Varietäten mit der Schriftsprache oder die anderer mit der gesprochenen Sprache sehr hoch sein, was dazu führen kann, dass die gesamte diaphasische Variation vom Unterschied zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit geprägt ist. Man kann sogar noch weiter gehen und sagen, dass, wenn die Diaphasik durch die Dimensionen von Schriftlichkeit und Mündlichkeit geprägt ist und durch die "Varietätenkette" wiederum auch die anderen Varietäten durch die diaphasische Dimension geprägt sind, folglich die gesamte Architektur einer Sprache von der Opposition zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit geprägt sein kann, wie in folgendem Schema dargestellt:

Es mag hier auffallen, dass anstelle von Nähe und Distanz hier wieder die Termini "geschrieben" und "gesprochen" verwendet werden. Damit soll keineswegs der Tatsache widersprochen werden, dass Nähe und Distanz als universelle Faktoren des Sprechens anzusehen sind. Doch muss auch betont werden, dass in solche Gesellschaften, in denen die Schriftsprache eine kontinuierliche Bezugsgröße für die Sprecher darstellt, die "Distanz" üblicherweise schriftlich oder in Varietäten, die mit der Schriftsprache verbunden werden, ausgedrückt wird und dass die schriftsprachlichen Techniken zumindest teilweise auch den Möglichkeiten des Ausbaus, die durch dieses Medium gegeben sind, entspringen.

Halten wir also fest, dass es in Schriftkulturen Varietäten gibt, die mit der Schriftsprache assoziiert werden und andere, bei denen eine Assoziation zur gesprochenen Sprache besteht, und dass die Auswahl der Varietäten seitens der Sprecher von Faktoren wie Nähe und Distanz abhängt. Darüber hinaus können wir feststellen, dass in vielen Fällen dem pragmatisch-kommunikativen Kontinuum zwischen Nähe und Distanz ein semasiologisches Kontinuum von Realisierungen sprachlicher Elemente entspricht. Zwischen einer "distanzsprachlichen" Form wie muchas gracias und einer "nähesprachlichen" Form wie muchs grass im mexikanischen Spanisch findet sich ein Kontinuum verschiedener Grade von Vokalsynkopierung [10]. Lassen wir zunächst einmal offen, ob es sich um zwei Varietäten handelt oder nicht. Es ist jedenfalls eindeutig, dass es sich sowohl in diachronischer als auch in synchronischer Hinsicht um Realisierungen handelt, zwischen denen eine Beziehung besteht. Die Synkopen lassen sich von den nicht synkopierten Formen ableiten; und man kann annehmen, dass die Sprecher, welche die synkopierten Formen realisieren, in ihrer Kompetenz über die "Vollformen" verfügen. Mehr noch: da ja alle synkopierten Formen von den nicht synkopierten Formen ableitbar sind und dieselben Sprecher im Allgemeinen fähig sind, die "Vollformen" mit reduzierten Formen zu produzieren, ist es wahrscheinlich, dass sie in ihrer Kompetenz nicht zwei verschiedene Systeme zur Verfügung haben, sondern ein einziges; und dass die synkopierten Formen von den nicht synkopierten abgeleitet sind, und zwar mittels der Anwendung gewisser Regeln oder Prozesse, welche die Eliminierung der Vokale in bestimmten Kontexten erlauben. In den Begrifflichkeiten der traditionellen generativen Phonologie wären die synkopierten Formen nur Oberflächenphänomene, deren Struktur den "Vollformen" entspräche. Nun ist es hier egal, ob wir eher von einer traditionellen Beschreibung ausgehen oder eine "modischere" Beschreibung, wie etwa die der Optimalitätstheorie, bevorzugen: in beiden Fällen würde man eine zugrundeliegende phonologische Struktur mit "Vollformen" annehmen [11]. Die Realisierung des "umgangssprachlichen" oder "Allegretto"-Stils (cf. z.B. Harris 1969: 7) resultiert aus der allgemein in der gesprochenen Sprache beobachtbaren Tendenz zur phonischen Reduktion aus Gründen sprachlicher Ökonomie, einem Prinzip, welches für die bekannte zirkuläre Entwicklung in der Diachronie der Sprachen verantwortlich ist (cf. Lüdtke 1980: 15):

Da es neben der Tendenz zur phonischen Reduktion seitens der Sprecher in der gesprochenen Sprache auch diejenige der Notwendigkeit der Segmentierung zum Verständnis seitens des Hörers gibt, lassen sich phonische Reduktionsprozesse neben morphologischen Anreicherungsprozessen beobachten, Prozesse, deren diachronisches Resultat sowohl Reduktionen wie etwa lat. aqua > fr. eau [o]; lat. hodie > altfr. hui; lat. augustus > frz. août [u(t)] usw., als auch Prozesse semantaktischer Erweiterung, deren Resultat Formen wie de l'eau, aujourd'hui, le mois d'août usw. sind.

In den vorangegangenen Zeilen ging es mir darum, zu zeigen, dass in Arbeiten über die Oralität stets von einem pluridimensionalen Modell auszugehen ist und nie partielle Aspekte verabsolutiert werden dürfen. Anstatt Strukturen und Systeme zu leugnen, muss beschrieben werden, wo diese existieren und wo sie funktionieren, und zwar nicht als zufällig aus dem Diskurs "emergierende" Produkte, sondern als Grundlagen sprachlicher Kreation. Damit ist die Existenz des "usage", der Norm, die über das System hinausgeht, keineswegs angezweifelt; genauso wenig wie die Tatsache, dass die Norm für die "externe" Organisation der Varietätendimensionen seitens der Sprecher herangezogen wird. Dabei darf auch die Existenz von performativen Prozessen der mündlichen Transformation nicht ausgeschlossen werden, die ihrerseits wieder durch pragmatische Bedingungen des Sprechens zwischen Nähe und Distanz bestimmt werden, welche den Sprechern die Selektion zwischen verschiedenen Traditionen des Sprechens nahe legen, die mit verschiedenen Varietäten verbunden sind. Wenn wir nun versuchen, das Kontinuum zwischen Nähe und Distanz mit der Existenz von Varietäten zu verbinden, können wir folgendes Schema kommunikativen Handelns aufstellen:

Der Kommunikationsakt beinhaltet also die Auswahl einer bestimmten Tradition aufgrund der Kriterien von Nähe und Distanz. Diese Tradition existiert nicht isoliert, sondern sie ist zumindest teilweise auf andere Traditionen über Realisierungsprozesse beziehbar. Im phonischen Bereich und in Gemeinschaften mit Präsenz einer Schriftsprache assoziieren diese Prozesse häufig die Formen des Distanzpols mit den "Vollformen" der geschriebenen Sprache, während die Formen des Nähepols Reduktionen zu erlauben pflegen. Die entsprechenden Traditionen lassen sich wiederum auf funktionelle, strukturell bestimmbare Varietäten beziehen. Um noch einmal zu dem Beispiel der Pluralmarkierung im Ostandalusischen zurückzukommen, können wir hier ein Kontinuum von in der Gemeinschaft koexistierenden Traditionen unterscheiden (ein Kontinuum, das mitunter auch in verschiedenen Realisierungen eines einzigen Sprechers gegeben ist). Dieses umfasst sowohl Realisierungen eines Plurals wie im Standardspanischen als auch eine Pluralmarkierung, die ausschließlich mittels der Vokalqualität geschieht. Dazwischen gibt es ein Kontinuum verschiedener Formen mit unterschiedlichen Graden der Aspiration des Schlusskonsonanten. Zwischen diesen Traditionen besteht eine Beziehung durch einen möglichen phonologischen Prozess. Dem Normenkontinuum und dem ebenfalls kontinuierlichen Prozess entsprechen auf der funktionellen Ebene des Systems zwei Varietäten, die durch einen diskrete Linie getrennt sind, da der Plural entweder durch ein /s/ (einschließlich seiner aspirierten Varianten) oder aber durch die Vokalqualität markiert wird.

Hier wäre noch hinzuzufügen, dass es auf der Ebene des Diskurses nicht nur möglich ist, dass eine einzige Varietät realisiert wird, sondern dass gerade aufgrund der Kopräsenz verschiedener Traditionen oder Varietäten auch in einem einzigen Diskurs eines einzigen Sprechers unterschiedliche Formen auftreten können. Dies hängt teilweise mit Veränderungen der Kommunikationsbedingungen zusammen, scheint teilweise aber auch - zumindest scheinbar - aleatorisch zu sein. Auch sollte erwähnt werden, dass nur ein Teil der Beziehungen zwischen den Traditionen prozesshaft ist (wie etwa im Falle des Prozesses -ado -> -ao im Spanischen), während andere Beziehungen auf diskreter Auswahl aus Systemen beruhen, wie etwa im Falle der Auswahl bestimmter grammatischer Elemente oder beim Wortschatz. Ein Problem stellt die wirkliche Kopräsenz verschiedener Formen in der Kompetenz eines Sprechers dar. So ist es mitunter nicht leicht zu wissen, ob eine konkrete Realisierung der Auswahl einer bestimmten Form im Varietätenschatz des Individuums entspricht oder ob sie auf einem Prozess beruht: wenn ein Ostandalusier Singular und Plural durch die Vokalqualität und nicht durch den Finalkonsonanten unterscheidet, so kann dies entweder Resultat eines Prozesses oder Auswahl einer anderen Struktur sein. Doch liegt gerade in solchen Fällen der Ambiguität die diachronische Erklärung des Übergangs von einem Prozess zu einem neuen System: was für den Sprecher eine Varietät mit zugrundeliegendem Pluralkonsonanten sein kann, der in einem Prozess getilgt wird, kann für den Hörer schon ein anderes System sein, dessen Numerusunterscheidung auf der Vokalqualität basiert. Die Reanalyse bewirkt, dass vom Prozess zu einer neuen Struktur übergegangen wird (cf. u.a. Langacker 1977; Hopper/Traugott 1993: 219; Detges/Waltereit 2002). Bei aller Schwierigkeit der Bestimmung gibt es jedoch für die Linguistik Indizien, die es erlauben, festzustellen, ob ein bestimmte realisierte Form Resultat eines Prozesses ist oder ob sie unmittelbar einer zugrundeliegenden Form entspricht, nämlich in erster Linie die hyperkorrekten Formen, die Anwendungen von Prozessen (oder von umgekehrten Prozessen) auf Fälle sind, die in Wahrheit von anderen Formen herrühren.

6. In der Geschichte der Sprachwissenschaft gab es im Bereich des Strukturalismus zuweilen die Tendenz, Struktur und sprachliche Kompetenz gleichzusetzen. In der Tradition der generativen Linguistik (und dies bis in die jüngsten Tendenzen der Optimalitätstheorie) wird meist angenommen, dass ein Grammatikmodell dann adäquat und der Kompetenz entsprechend ist, wenn es zur Produktion von Aussagen führt, die von Sprechern einer Sprache als korrekt eingestuft werden [12].

Das Modell einer adäquaten Grammatik sollte in erster Linie dem entsprechen, was die Sprecher wirklich tun; und die Beobachtung der sprachlichen Fakten erlaubt uns festzustellen, dass es sowohl einen Speicher von Traditionen oder Normen als auch Prozesse, welche diese untereinander in Bezug setzen, als auch ihnen entsprechende Strukturen gibt; und auch wenn es schwierig sein mag, die genauen Beziehungen zwischen diesen kopräsenten Ebenen zu bestimmen, so dürfen wir doch nicht deren Existenz leugnen.

Wenn wir noch einmal an das Anfangsbeispiel der mexikanischen Vokalsynkopen denken, so muss erneut betont werden, dass der Ort, an dem die beschriebenen phonischen Prozesse stattfinden, die Mündlichkeit ist. Die Prozesse entsprechen teilweise universellen Bedingungen, und zwar sowohl solchen, die sich aus dem Artikulationsapparat ergeben als auch solchen, die der universellen Tendenz zur Sprachökonomie entsprechen. Sie können aber auch abstrakteren Tendenzen entsprechen, die einander auch widersprechen können. Dies führt etwa in der spanischsprachigen Welt zur Schaffung divergenter Prozesse auf der Ebene der Varietäten, die der Nähesprache entsprechen, im Gegensatz zu einer großen Einheitlichkeit im Bereich der Distanzsprache, die vor allem auf die Einheitlichkeit der Schriftsprache gestützt ist. Die Tendenzen führen zur Schaffung neuer Normen, die wiederum Grundlagen für neue Systeme sein können. Dabei kann auch das umgekehrte Phänomen eintreten, dass nämlich die Sprecher nicht Prozesse von der Distanz zur Nähe anwenden, sondern von der Nähe zur Distanz, um also von den Nähevarietäten zu denen der Distanz zu gelangen. Beide Tendenzen koexistieren in einer Mischung aus Gleichgewicht und Spannung, welche längerfristig zu Divergenz- oder Konvergenzphänomenen führen kann. In einer immer mehr globalisierten Welt ist zu fragen, ob wohl die divergenten Prozesse, welche in der Mündlichkeit entstehen, diejenigen sein werden, die dominieren, oder ob es eher die konvergenten Prozesse der Distanzsprache sind. Doch stets, wenn diese Prozesse untersucht werden, muss dies in umfassenden Sinne geschehen, und stets muss die Komplexität der Beziehungen zwischen den Varietäten und dem gesamten Ausmaß der sprachlichen Variation berücksichtigt werden.

 

Anmerkungen

* Eine leicht modifizierte (und um viele Modalpartikeln ärmere!) spanische Version dieses Beitrags erscheint in der Pariser Zeitschrift Pandora. [zurück]

1 Im Falle mancher der Konsonantengruppen in den Buchwörtern handelt es sich bei diesen "Innovationen" in Wahrheit um die Konservierung einer umgangssprachlichen Tendenz gegen den gelehrten Einfluß. [zurück]

2 Wie Schlieben-Lange und Weydt in dem erwähnten Aufsatz zu Grammatik und Variation feststellen, ist der strukturalistische Blick auf die Funktion sprachlicher Systeme und seine Anwendung auf alle Bereiche sprachlicher Strukturierung vielleicht die größte Errungenschaft der Sprachwissenschaft im 20. Jahrhundert gewesen. Am Ende des Jahrhunderts scheinen jedoch neben denjenigen, die die strukturalistische Tradition fortsetzen, nur harte antistrukturalistische Kritiker und ein gewisses Naserümpfen über den Strukturalismus übrig geblieben zu sein. Die strukturelle Sprachbetrachtung wird von vielen als veraltet, künstlich und unangemessen angesehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Negierung der Erkenntnisse des Strukturalismus einen der größten Rückschritte der gegenwärtigen Sprachwissenschaft darstellen würde und dass eine ihrer zentralen Aufgaben darin besteht, die strukturalistischen Sichtweisen mit anderen Perspektiven der Sprachwissenschaft zu verbinden. [zurück]

3"L'étude synchronique n'a pas pour objet tout ce qui est simultané, mais seulement l'ensemble des faits correspondant à chaque langue; dans la mesure où cela sera nécessaire, la séparation ira jusqu'aux dialectes et aux sous-dialectes." (Saussure 1916: 128). [zurück]

4 Die drei Dimensionen sind stets in simultaner Weise präsent: jeder Sprechakt ist auf einem durch die drei Achsen situierten Punkt determiniert. [zurück]

5 Nach der traditionellen Forderung de Saussures (1916: 45): "Langue et écriture sont deux systèmes de signes distincts. L'unique raison d’être du second est de représenter le premier" oder Leonard Bloomfields (1933: 21): "writing is not language but merely a way of recording language by means of visible marks". [zurück]

6 In diesem Sinne glauben einige, sie hätten eine terminologisch "elegante" Lösung gefunden, wenn sie sagen, dass das amerikanische Spanisch und das Spanische in Spanien "zwei Normen eines Systems" seien, oder wenn dasselbe von Galicischen und vom Portugiesischen gesagt wird. Doch reicht ein einziger unterschiedlicher struktureller Faktor aus (wie etwa der seseo im Falle des Spanischen oder der stimmhaften Sibilanten im Portugiesischen), um von zwei Systemen sprechen zu müssen. Was also eine elegante Lösung sein will, ist vielmehr eine terminologische Verwirrung. [zurück]

7 In diesem Falle ist der Plural vorzuziehen, da die Normen nicht systematisch organisiert sind und dabei nicht ein "System von Normen" bilden, sondern ein Normenkontinuum. [zurück]

8 Die Autoren vermeiden den Terminus diamesische Variation, der in der variationellen Tradition u.a. in Italien üblicherweise verwendet wird, da dieser erneut zur Verwirrung zwischen Medium und Konzeption führen kann cf. Koch 1999, 143 Anm. 3). [zurück]

9 Dazu ist natürlich zu präzisieren, dass es durchaus gerechtfertigt sein kann, in empirischen Einzeluntersuchungen weitere Begrifflichkeiten zu verwenden. So fügt etwa Harald Thun (cf. Thun 1985) beim uruguayischen Sprachatlas ADDU noch eine Reihe weiterer Dimensionen hinzu (etwa die dialinguale, diatopisch-kinetische, die diagenerationelle, die diasexuelle, die diareferentielle Variation), da diese sich in der von ihm untersuchten Sprachsituation als relevant erwiesen hat. Diese kann in universeller Sicht bestimmt der diastratischen Variation untergeordnet werden (vorausgesetzt, man versteht unter diastratischer Variation "Variation bezüglich sozialer Gruppen" und nicht etwa bezüglich von Schichten. Schichten sind ja nicht unbedingt universell gegebene soziale Größen). Auch bei der diamesischen Variation scheint es sich um einen ähnlichen Fall zu halten, der uns allerdings in sofern fast "universell" erscheint, da die mediale Ausprägung der Diaphasik in Schriftkulturen meist eine zentrale Rolle spielt. [zurück]

10 Es gibt zwei Arten solcher Kontinuen: ein qualitatives Kontinuum (graduelles Realisierungskontinuum) und ein quantitatives Kontinuum (der Häufigkeit der einen oder anderen Realisierung). Im Falle privativer Elemente ist nur die zweite Art des Kontinuums möglich, wohingegen bei graduellen Elementen beide Möglichkeiten existieren. [zurück]

11 Entsprechend dem Prinzip "richness of the base"; cf. etwa Kager 1999. [zurück]

12 In beiden Fällen gibt es selbstverständlich eine weit über diese holzschnittartige Darstellung hinaus gehende Methodendiskussion. [zurück]

 

Literaturangaben

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 Linguistik online 13, 1/03

ISSN 1615-3014