Linguistik online  20, 3/04

Sprachliche und politische Grenzen im (ehemaligen) Dialektkontinuum des Alemannischen
am Beispiel der trinationalen Region Basel (Schweiz) in Karten von SprecherInnen

Lorenz Hofer (Basel)



1 Allgemeines

Die Schweiz ist klein, sowohl was ihre Einwohnerzahl (Anfang 2002: knapp 7,3 Mio. Einwohner) als auch was ihre geographische Ausdehnung anbetrifft (rund 42'000 km2). Die Schweiz ist von vielen sprachlichen Grenzen durchzogen: Vier Landessprachen werden verfassungsmässig garantiert und sind im Wesentlichen territorial verteilt (Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch), und eine Vielzahl von allochthonen SprecherInnen und Sprachgemeinschaften prägen darüber hinaus die Sprachlandschaft. Territorial ist die Schweiz ein viersprachiges Land, in dem vor allem Deutsch, Französisch und Italienisch, aber auch ein wenig rätoromanisch gesprochen wird - in der Praxis sind es weit mehr Sprachen, die von Migranten verwendet werden: Spanisch, Türkisch, Griechisch, Ungarisch und viele andere mehr (Haug/Schuler/Wanner 2002).

Es gibt keinen Punkt in der Schweiz, der weiter als 100km von der Landesgrenze entfernt ist, und keine grössere Siedlung, die weiter als 120km von einer Sprachgrenze entfernt liegt. Fast alle Gebiete innerhalb der Schweiz definieren sich seit neuestem im Zuge der europäischen Integration als Grenzgebiet, wenn es um den freien Austausch von Waren und Dienstleistungen geht. Dieser politische Opportunismus ist nur auf der Basis einer Mentalität möglich, bei der die Vorstellung zu einer Grenzregion zu gehören nicht zum Vornherein negativ besetzt ist.

 

2 Politische und sprachliche Grenzen

Viele europäische Nationalstaaten haben ihre territoriale Legitimation gerade durch die (manchmal mehr erzwungene als gegebene) Einheit der Sprache bezogen und implizit noch beziehen. Im Falle der ursprünglich deutschsprachigen (Ur-)Schweiz war das je länger desto weniger der Fall. Die moderne, demokratisch verfasste Schweiz nach 1848 war eine, die aus vier Sprachterritorien besteht, die klar voneinander abzugrenzen sind (Haas 2000: 49ff). Fliessend sind die sprachlichen Übergänge ironischerweise bei den Dialekten nach aussen hin, ins Burgund, nach Savoyen, in die Lombardei, ins Veltlin, nach Vorarlberg, nach Schwaben, Baden und ins Elsass. Nur an wenigen Stellen bildet die schweizerische Staatsgrenze eine Sprachgrenze zwischen zwei verschiedenen Standardsprachen. In einem konsequent nationalsprachlich gestalteten Europa hätte die Schweiz gar keinen Platz, vielmehr würden die Grenzen von Italien, Frankreich und Deutschland (inkl. Österreich) etwa beim Cervin/ Cervino/Matterhorn zusammentreffen.

Karte 1 vermittelt einen Eindruck davon. Auf ihr ist dargestellt, wie hoch der Anteil Deutschsprachiger an der Bevölkerung ist: intensives Rotbraun zeigt einen Anteil von 100%, blau einen Anteil von 0%. Rot-Blau-Übergänge markieren die Sprachgrenzen zwischen Deutsch und den romanischen Sprachen.

Karte 1: Anteil der deutschsprachigen Wohnbevölkerung (rote Färbung: mehr Deutschsprachige) (nach Atlas der Schweiz, 2000)

 

3 Die Sprachgrenzsituation im Nordwesten der Schweiz

Der Nordwesten der Schweiz gehört zum deutschsprachigen Territorium der Schweizer Sprachlandschaft. Die Grenzstadt Basel, im so genannten Dreiländereck gelegen, an der Stelle, wo die Territorien Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz zusammentreffen, ist deutschsprachig. Sprachhistorisch gesehen gab es an dieser Stelle keine nennenswerte Grenze: Auf beiden Seiten des Rheins wurde Deutsch gesprochen. Die Frankophonie begann erst weiter westlich in den Vogesen, wie die Karte es noch erahnen lässt. Verengt man den Blick auf die Strukturierung der deutschen Dialekte in der Umgebung von Basel, so zeigen sich jedoch Übergänge, denen die traditionelle Dialektologie Grenzcharakter zuschrieb. So verlaufen mehrere Isoglossen nördlich von Basel (und südlich von Mühlhausen und Freiburg im Breisgau) quer durch die oberrheinische Tiefebene (s. Karte 2). Sie trennen das nördliche Niederalemannische vom südlichen Hochalemannischen (wobei der traditionelle Stadtdialekt von Basel eine niederalemannische Insel im hochalemannischen Gebiet bildet, vgl. Schläpfer 1956: 224; Hofer 1997).

Physisch-geografisch gesehen besteht kein zwingender Anlass, dass in der unmittelbaren Umgebung von Basel eine deutliche Sprach- oder Dialektgrenze liegen müsste, wie das virtuelle Luftbild erkennen lässt (Abb. 1): Man blickt von Norden auf Basel (im weissen Kreis), der Rhein kommt von links und biegt bei Basel auf den Betrachter zu. Er bildet die Grenze zu Deutschland: ganz links unten im Bild ist der Schwarzwald zu erkennen, unter dem Betrachter breitet sich die oberrheinische Tiefebene aus, an deren südlichem Ende Basel liegt. Der Gebirgszug im Mittelgrund ist der Jura, er trennt Basel von der übrigen Schweiz südlich des Juras, erkennbar als flaches Land, links mit den Zentralschweizer Seen. Im Hintergrund am Horizont die Alpen. Topografisch gesehen trennt Basel also ein Gebirge von der restlichen Schweiz, es ist aber über die oberrheinische Ebene aufs Engste mit Baden und dem Elsass verbunden.

Abb. 1: Virtuelles Luftbild auf die Region Basel (Basel ist durch den weissen Kreis markiert, die kleine Karte am rechten Bildrand zeigt den Blickwinkel; nähere Erläuterung im Text)

 

4 Verschiedene Bedeutungen von Grenze

Es wurden bisher drei verschiedene Bedeutungen von Grenze angesprochen, ohne dass diese immer explizit gemacht worden wären:

Ausgehend von der ursprünglichen Bedeutung ‚Trennlinie zwischen zwei Territorien’ wird Grenze alltagssprachlich in vielerlei Zusammenhängen in einer Bedeutung verwendet, die auf die Limitiertheit einer Sache oder eines abstrakten Konzepts hinweisen. Zudem hat Grenze, vermutlich auch in neutralen Kontexten, eine deontische Komponente, d.h. es denotiert nicht nur neutral etwas (im oben erwähnten Sinne), sondern beinhaltet zugleich Handlungsdirektiven für den Umgang mit dem Denotierten: Eine Grenze soll man respektieren, man darf sie nicht einfach übertreten oder missachten, und man muss das Ende oder den Übergang, der durch sie markiert wird, berücksichtigen. Leicht erkennbar ist dies an Komposita und Kollokationen: Grenzen überschreiten, Grenzen missachten, Grenzverletzung, Grenzübertritt, Grenzkontrolle, Grenzschutz, Grenzwert, kritische Grenze. Andererseits existiert das Ideologem, dass Grenzen etwas sind, das abzubauen ist, und das hat auch in der Lexik und Namengebung seinen Niederschlag gefunden: Grenzenlos, ohne Grenzen und ähnliche Ausdrücke werden verwendet, um positive Bedeutungskomponenten zu übermitteln: Ärzte ohne Grenzen, Reporter ohne Grenzen, Apotheker ohne Grenzen, Homöopathen ohne Grenzen, Mathematik ohne Grenzen, Europa ohne Grenzen; Urlaub grenzenlos, grenzenlos tauchen (alles authentische Beispiele).

Demgegenüber hat der wissenschaftliche Grenzbegriff per definitionem konnotativ neutral zu sein. Das Konzept der Grenze findet man in der Sprachwissenschaft erstens und vor allem im Bereich der strukturellen Einheiten: Silbengrenze, Grenzsignal, Morphemgrenze, Wortgrenze, Satzgrenze. Zweitens findet man es in der Dialektologie, und dort wird es mit dem Konzept der Isoglosse in Verbindung gebracht: Die Isoglosse als Grenzlinie zwischen zwei Arealen, in denen unterschiedliche Varianten einer Variable vorkommen. Eine genügend starke Konzentration von gleich oder ähnlich verlaufenden Isoglossen kann Dialektologen dazu bringen, von einer Dialektgrenze oder gar von einer Sprachgrenze zu sprechen. Ein Beispiel ist die Isoglossenverdichtung im Schwarzwald, die aus dialektologischer Sicht den Übergang von Alemannisch und Schwäbisch markiert (s. Karte 2).

Karte 2: Isoglossen im alemannischen Sprachraum (nach Bohnenberger 1953, Farbgebung und politische Grenzen LH); rot: Staatsgrenzen;
Isoglosse 1: Dehnung in offener Tonsilbe, Isoglosse 16: Abschwächung alter Geminaten, Isoglosse 18: obe - awe, Isoglosse 19: khopf - xopf, Isoglosse 25: gân/stân - gên/stên.

Das Konzept der Grenze ist unter diesem Aspekt eines, das Wissenschaftlern erlaubt, ihr Wissen aufgrund abstrakter Akkumulation von Daten so zu organisieren, dass es in seiner Gesamtheit erst erfassbar und so - z.B. didaktisch - vermittelbar wird. Man weiss dabei, dass nicht mitten im Schwarzwald ein Sprachpolizist auf einem Isoglossenbündel steht und wacht, das keine Varianten hin- und her geschmuggelt werden - die konstruierte Grenze hat nur den Zweck, den komplizierten Übergang, der sich letztlich nur in aktuellen Sprechereignissen beobachten liesse, fassbar zu machen. Unter diesem Aspekt sind wissenschaftlich gezogene Grenzen Ausdruck der menschlichen Unfähigkeit, quantitative Differenzen in Datenräumen adäquat zu erfassen. Daran hat sich auch in Zeiten der computativen Dialektologie nicht viel geändert: Ihr bevorzugtes Darstellungsmittel sind immer noch Karten, auf denen zumindest wahrnehmungspsychologisch klar voneinander abgegrenzte Areale auszumachen sind (z.B. durch entsprechende Farbgebung oder Schraffur kenntlich gemacht) (z.B. Schiltz 1996).

Nimmt man das dialektologisch konstruierte Wissen über Isoglossen und Dialektgrenzen im Raum Basel ernst, so muss man zum Schluss kommen, dass Basel nicht an einer nennenswerten Dialektgrenze liegt. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass der Rhein keine Dialektgrenze bildet, sondern mitten in einem Kontinuum liegt. Es gilt jedoch zu bedenken, dass Darstellungen wie die von Bohnenberger 1953 nicht berücksichtigen, dass sich die Sprachsituation links und rechts des Rheins seit dem 19. Jahrhundert unterschiedlich entwickelt hat: Auf der deutschen Seite bewegen sich die Sprecher auf einem Dialekt-Standard-Kontinuum, während sie in der diglossischen Situation der deutschen Schweiz entweder Dialekt sprechen (die vorherrschende Wahl) oder schriftorientierte Standardsprache (beschränkt auf wenige Situationen). Im französischen Südelsass hat sich eine Situation der Zweisprachigkeit von französischer Standardsprache und deutschem Dialekt (der z.T. Teil als Zweitsprache erworben wird) herausgebildet. Der Rhein ist demnach innerhalb der letzen 50 bis 100 Jahre zu einer deutlichen Sprachgrenze in pragmatischer Hinsicht geworden, was sich mittlerweile klar erkennbar auch auf die Dialekte bzw. dialektnahen Sprachvarietäten ausgewirkt hat (Schifferle 1995, Ostermai 2000).

 

5 Sprachgrenzen in Karten von SprecherInnen

Wie sehen SprecherInnen in Basel die verschiedenen Aspekte der beschriebenen Grenzsituation? Es ist bekannt, dass die folk dialectology im Sinne Prestons und Niedzielskis (Preston 1989; Niedzielski/Preston 2000) ganz andere Wissensstrukturen über Sprache aufbaut als die wissenschaftliche Dialektologie. Neuerdings wird argumentiert, dass begriffliche Grenzziehungen beispielsweise darüber, was als überdachende Standardsprache eines bestimmen Dialekts gelten soll und was nicht im Wesentlichen von den vorherrschenden Einstellungen in der betreffenden Sprachgemeinschaft abhänge und nicht primär von (oft historisch motivierten) Setzungen der Sprachwissenschaft. Es wurde vielfach gezeigt (für die deutsche Schweiz z.B.: Werlen 1985, Hengartner 1995), dass Stereotypen über Dialekte und ihre Sprecher wirkungsmächtige Konstrukte sind, die erstaunlich konsistent in Sprachgemeinschaften verbreitet sind. Und dies nicht nur in Sprachsituationen, in der Dialekt und Standard ein Kontinuum von informeller bis formeller Sprache oder von Unterschichts- bis Oberschichtssprache darstellen (oder beides zusammen), sondern auch in Situationen wie in der deutschsprachigen Schweiz mit Diglossie. Standardsprache und Dialekte existieren nebeneinander, sie sind dabei jedoch klar abgegrenzte Varietäten. Dialektsprechen an sich ist nicht sozial markiert, da alle Dialekt sprechen und die Standardsprache für schriftlichkeitsnahe Kommunikation reserviert ist. Wer nicht Dialekt spricht, fällt auf, z.B. MigrantInnenen aus Deutschland, die nur Standardsprache sprechen (Koller 1992).

In einer solchen Situation, in der alle in erster Linie Dialektsprecher sind und zur Standardsprache erst durch einen sekundären Spracherwerb gelangen, ist damit zu rechnen, dass das Sprachbewusstsein im Hinblick auf die Wahl von Standard und Dialekt deutlich ausgeprägt und artikulierbar ist. Zudem ist es, wenigstens bei Erwachsenen und für einen lokalen Umkreis, auch für Dialektdifferenzen deutlich ausgeprägt (Hofer 1997: 265; Hofer 2002: 233ff und 260ff).

Wie bereits angedeutet, gibt es in der Region Basel mehrere Grenzen, was die Pragmatik der Varietätenverwendung betrifft. Im benachbarten Deutschland tritt an die Stelle der Deutschschweizer Diglossie eine Kontinuumssituation, wo die SprecherInnen situations- und herkunftsgebunden in ihrer Dialekttiefe variieren. Im französischen Elsass sind viele SprecherInnen zweisprachig und verwenden Standardfranzösisch und die elsässische Mundart nebeneinander. Die standardsprachliche Orientierung ist in der Deutschschweiz, in Süddeutschland und im Elsass je unterschiedlich: in der Deutschschweiz gibt es, ähnlich wie in Österreich, eine eigenständige standardsprachliche Tradition, die sich von derjenigen Deutschlands unterscheidet (zur generellen Problematik der nationalen Varietäten der nationalen Varianten des Deutschen: Ammon 1995; zur Schweiz z.B. Hofer 1999), und im Elsass hat Französisch den Status der überregionalen Verkehrs- und Unterrichtssprache.

Wie werden in Basel unter diesen Umständen sprachliche, politische und andere Grenzen wahrgenommen? Dieser Frage sollte in einer kleinen, offen gehaltenen Pilotstudie nachgegangen werden.

In früheren Studien hatte sich gezeigt, dass die Basler SprecherInnen über ein sehr ausgeprägtes Unterscheidungsvermögen in ihrem Dialektraum verfügen (Hofer 1996, Hofer 1997, Hofer 2002). Dieses betont implizit die politischen Grenzen, d.h. Sprecher werden zuerst als Schweizer, Deutsche oder Franzosen identifiziert. Von diesem Befund ausgehend wollte interessierte es, wie die mental maps der BaslerInnen in Bezug auf das Sprachliche aussehen. Eine Gruppe von 34 Studierende (im 1. bis 4. Semester, Zeitpunkt: Juni 2002) zeichnete zu diesem Zweck Karten und beantwortete zwei zusätzliche Fragen.

Die Aufgaben, die die Studierenden zu lösen hatten, lauteten wie folgt:

(1) Zeichnen und beschriften Sie eine einfache Karte mit der Sprachlandschaft, in der Sie leben und sich bewegen.

(2) Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten sprachlichen Grenzen in Ihrer Umgebung?

(3) Bei welchen Gelegenheiten in Ihrem Alltag stossen Sie auf bzw. überschreiten Sie sprachliche Grenzen?

Die Befragten sind mit Ausnahme von dreien Deutsch-MuttersprachlerInnen, nur vier gaben eine Zweitsprache an. 16 stammen aus Basel, 14 aus der übrigen Schweiz, vier aus dem Ausland. Die folgenden Ausführungen beziehen sich in erster Linie auf die Antworten auf Aufgabe 1.

Die Aufgabe bzw. Fragen waren in der Formulierung bewusst offen gehalten. Damit wurde ein Teil der Kontrolle über die Befragten abgegeben, die notwendig wäre für eine kontrollierte quantifizierende Studie. Das Ziel war jedoch das der Exploration einer vermuteten Vielschichtigkeit in den Antworten. Wäre in der Aufgabe (1) Sprachlandschaft etwa durch Dialektlandschaft ersetzt worden, so wäre die Aufgabe zwar eher auf die in den vorangegangenen Abschnitten skizzierte Problematik zugeschnitten gewesen, hätte dadurch aber eine Zuspitzung erfahren, die dem allgemeinen Erkenntnisinteresse der Pilotstudie nicht entsprochen hätte.

Die Sichtung der von den Studierenden gezeichneten Karten legte eine grundsätzliche Unterteilung in zwei Typen nahe. Eine solche minimale Typologie umfasst erstens den Typ geografische Karte, in der das Dargestellte in einer ikonischen Beziehung zur Physis von Landschaft, Siedlungen und Territorien steht. Beim zweiten Typ handelt es sich um eine kognitive Karte, mit der primär Bewusstseinsinhalte verschiedener Art (die nicht mehr in unmittelbarer ikonischer Beziehung zur Physis stehen) visuell gegliedert werden. Mit kognitiver Karte ist hier also nicht das gemeint, was man in der Humangeografie mit cognitive map und ähnlichen Bezeichnungen meint, nämlich gerade keine Karte im Sinne einer visuellen Darstellung, sondern die kognitive Repräsenation von geografischen Sachverhalten oder geografischem Wissen (Kitchin/Blades 2002: 1f). Hier ist jedoch mit kognitiver Karte die kartografische Darstellung nicht primär geografischer Wissensbestände und Erlebnisinhalte gemeint. Für eine weitere Diskussion der geografischen Konzepte und der hier ad hoc festgeschriebenen Terminologie fehlt hier leider der Platz.

Karte 3: Typ geografische Karte

 

Karte 4: Typ kognitive Karte

Der grösste Teil der Karten gehört dem Typ geografische Karte an. Dies lässt sich als Ausdruck des Schulparadigmas Karte sehen: Eine typische Karte ist eine Landkarte. Die Formulierung der Aufforderung wies mit dem Ausdruck Sprachlandschaft zudem schon in diese Richtung.

Die geografischen Karten weisen eine grosse Vielfalt auf, die sich weiter typisieren lässt.

Ein häufiger Typ wurde mit Karte 3 bereits gezeigt und wird hier Standardmodell genannt. Hier bildet die Mitte der Schweiz auch die Mitte der Karte. Die vier schweizerischen Sprachregionen werden dargestellt und beschriftet, desgleichen das angrenzende Ausland, am explizitesten Deutschland. Frankreich und Italien werden oft nur mit F und I bezeichnet - den Abkürzungen, die auch für die Bezeichnung der französischen und der italienischen Sprache verwendet wird. Bei Deutschland scheint ein D vielfach zu wenig explizit, da man in der deutschen Schweiz auch Deutsch spricht. Österreich wird häufig weggelassen oder ist bei Beschriftungen wie "Deutsch" oder "D" mitgemeint.

Noch häufiger als das Standardmodell ist ein regionales Modell, hier Dreilandmodell genannt. Es zeigt im Wesentlichen das Dreiländereck von Basel, in dem drei Nationen mit unterschiedlichen sprachlichen Gegebenheiten zusammentreffen. Karte 5 zeigt ein Beispiel dafür. Während die Sprachsituation in Frankreich und in Deutschland kenntlich gemacht wird (Französisch/Elsässisch bzw. Badisch/Hochdt Standardsprache), so fehlt dies für die Schweizer Seite. Hier wird lediglich der Herkunftsort der Kartenzeichnerin angegeben (Oberwil - eine Schlafgemeinde unmittelbar bei Basel).

Karte 5: Typ geografische Karte: Dreilandmodell

Die bisher dargestellten Typen orientierten sich alle an äusserlich leicht feststellbaren und vor allem an allgemeinen Tatsachen. Anders ist es dort, wo individuelle Erfahrungen biografischer Mobilität in die Karte einfliessen. Hier weisen die Karten in der Regel zwei Zentren auf: Eines der Herkunft und eines, das den gegenwärtigen Lebensmittelpunkt darstellt. Diesen Kartentyp könnte man zwei Zentren nennen. In schwacher Form ist dies bereits bei Karte 5 der Fall, deutlich ist es in den folgenden Karten 6 bis 9.

Karte 6: Typ geografische Karte: zwei Zentren (BS (Basel) - Fremd/GR (Graubünden) - Gewohnt)

 

Karte 7: Typ geografische Karte: zwei Zentren (Deutschland/bei Lörrach und Schweiz (Basel))

 

Karte 8: Typ geografische Karte: zwei Zentren

 

Karte 9: Typ geografische Karte: zwei Areale mit Markierung des frankophonen Herkunftsortes

In den bisherigen Karten liess sich immer eine Einbettung von Elementen in grössere Strukturen (Nationalstaaten, Sprachregionen innerhalb eines Nationalstaates) ausmachen. Einige der Befragten zeichneten jedoch Karten ohne solche Einbettung. Dieser Typ liesse sich als Wolken- oder Insel-Typ charakterisieren.

Karte 10: Wolken/Inseln: Norddt./Süddt. // B[asel]L[and]/B[asel]S[tadt] // Aargau

In Karte 10 erscheinen unverbundene Inseln - wobei ihre Anordnung die geografischen Gegebenheiten widerspiegelt: Deutschland im Norden, südlich davon Basel, östlich davon der Aargau. Grenzen sind hier nicht nur Trennlinien, sondern erscheinen als leere Zwischenräume.

Demgegenüber steht ein Typ, in dem die oben erwähnte fehlende Einbettung durch konzentrische Kreise oder ähnliche grafisch zusammenhängende Strukturierungen erreicht wird. Ein Beispiel dafür ist Karte 11.

Karte 11: Typ konzentrische Kreise

 

Karte 12: Typ Kreise mit sich überschneidenden Bereichen

Die Karten 11 und 12 gehören gar nicht mehr zum Typ der geografischen Karte, sondern es sind vielmehr Karten, die individuelle kognitive Strukturierungen der Befragten repräsentieren. Bei den geografischen Karten bildet im Allgemeinen Basel den Mittelpunkt oder bei mobilen Personen ein Punkt zwischen den beiden Zentren, zu denen sie sich zugehörig fühlen. Bei den beiden zuletzt gezeigten Beispielen jedoch steht ein Ich im Mittelpunkt der Karte, in Karte 12 ist es explizit genannt. Die Karte 11 stellt mit ihren konzentrischen Kreisen Verhältnisse der Inklusion oder der partiellen Zugehörigkeit des Ichs zu Sprachwelten dar. Die Sprachen legen sich dabei wie Zwiebelschalen um das Ich und bleiben mehr oder weniger ortlos. Bei Karte 12 scheint der Zeichner eher von einem grundlegenden Verhältnis der Exklusion von Sprachen, die nicht seine Muttersprache sind, auszugehen und stellt mit Schraffuren Schnittmengen (Grenzzonen) zwischen Eigenem und Fremden dar. Was die Sprachen oder Sprachwelten trennt, sind nicht Grenzen im eigentlichen Sinne, sondern Zwischenräume, Leerflächen.

Ein Gegenstück dazu bilden Karten, in denen die Sprachwelt eines Individuums in Segmente aufgeteilt wird - eine grafische Umsetzung, die quantitative Anteile und Grenzen betont (Karte 13 und 14). Im Zentrum dieser Karten steht, wie schon beim vorherigen Typ, ein Ich (auch wenn es auf den ersten Blick nicht ganz klar zu erkennen sein sollte).

An Karte 14 lässt sich übrigens eine weitere Kategorie gewinnen, mithilfe der man die Karten in zwei Typen unterteilen kann: Solche, die auf die Pragmatik Bezug nehmen und solche, die das nicht tun. In Karte 14 mit den farbigen Linien wird klar Bezug genommen auf die funktionale Verteilung der verschiedenen Sprachen, die die Zeichnerin verwendet. Auch in Karte 13 ist dies in Ansätzen der Fall, wenn ein Sektor mit Fachsprachen angeschrieben wird.

Karte 13: Typ Sektoren

 

Karte 14: Typ Sektoren mit Ich im Zentrum

 

Karte 15: Kombination von funktionalen und geografischen Elementen

Karte 15 zeigt einen hybriden Typ: Es wird sowohl die funktionale Verteilung von Sprachen als auch ihre Lage in Bezug auf geografische Grenzen dargestellt. Zudem handelt es sich um eine Zwei-Zentren-Karte (wie schon die Karten 6 bis 9). Die Funktionalität verschiedener Sprachvarietäten ist hier erweitert um eine biografisch-geografische Komponente: Die Auskunftsperson stammt aus Zürich, und der Umzug nach Basel hatte zur Folge, dass sie sich täglich der Dialektdifferenz zwischen Zürich und Basel bewusst wurde, es ist sogar von Feindschaft die Rede.

Das Basler Sprachbewusstsein hat sich bei der Untersuchung der Basler Stadtsprache als autozentrisch herausgestellt (Hofer 1996, Hofer 1997, Hofer 2002), ebenso bei Untersuchungen zu Spracheinstellungen im gesamten Deutschschweizer Kontext (Häring 1981, Fäh 2000). Das heisst: Differenzen werden im städtischen Rahmen sehr genau wahrgenommen, im weiteren Umkreis aber nur noch grob und pauschalisierend. Ein Beispiel für diesen Autozentrismus, bei dem die äusserste sprachliche Grenze in der kartografischen Darstellung die der Stadt ist, bietet Karte 16.

Karte 16: Typ autozentrische Mikrokarte

Hinweise auf eine sprachliche Welt ausserhalb der Stadt finden sich durch die Bezeichnung "Balkan-Slang", einem stereotypisierten Soziolekt, der sich an lernersprachlchen Varietäten des Schweizerdeutschen von Migranten vor allem aus Südosteuropa orientiert (Tages-Anzeiger 11.1.2000, 15), und durch die Anschrift "Deutschland" mit Pfeil links oben.

Unter den untersuchten Karten findet sich nur eine, die vom kartografischen Prinzip der flächigen Darstellung und horizontalen Transposition - sei es geografischer Sachverhalte oder kognitiver Inhalte oder Kategorisierungen - abweicht und stattdessen eine Projektion in die Vertikale vornimmt (Karte 17). Es liegt auf der Hand, dass damit die (objektive und subjektive) Stratifikation verschiedener Varietäten und Sprachen weit deutlicher zum Ausdruck gebracht werden kann als mit Flächenkarten.

Karte 17: Typ Transposition/Projektion in die Vertikale

Es ist die einzige Karte, die erkennbar die vertikale statt der horizontalen Dimension darstellt und die dabei von den sprachgeografischen Verhältnissen ganz absieht. Distanz ist hier nicht mehr einfach als räumliche Distanz zu verstehen, sondern mindestens ebenso als eine kognitive und eine emotionale. Wie in keiner andern Darstellung wird hier von Metaphern und Symbolen Gebrauch gemacht: Landwirtschaft (Wiese, Weide) und Vieh (Kuh, Schaf) und Wild (Steinbock), Jugendgruppe (Zelt), Tal, Hügel und Hochgebirge sowie Flaggen sind die Elemente, von denen das Ich im Zentrum der Darstellung umgeben ist. Sie bilden die metaphorische Kulisse für das Sprachliche. Dieses wird in funktionale Domänen aufgeteilt: Studium/Fachsprache/Fremdsprache, Umgangssprache/Freizeit, Ferien/Grossmutter, wobei die Grenznähe zweimal als Zusatzkriterium angeführt wird. Gemeint ist damit zweifellos die Grenzlage Basels zu Frankreich und Deutschland.

Insgesamt zeigen die Karten eine erstaunliche Vielfalt von Gestalten, die vor allem bestimmt ist durch:

 

6 Schluss

Die Pilotuntersuchung von Sprach(landschafts)karten, die von Laien gezeichnet wurden, erweist sich bereits im kleinen Rahmen (34 Befragte) als äusserst fruchtbar.

Der Vergleich der Karten mit traditionellen dialektologischen Bestandesaufnahmen einerseits und der heutigen tatsächlichen Sprachsituation in der Region Basel (die deutliche situative Unterschiede in der Sprachverwendung zeigt und national geprägt ist) andererseits zeigt, dass die Befragten die heutige Sprachsituation abbilden und von traditionellen grenzübergreifenden Dialekträumen eher absehen. Dies mag mit der unspezifischen Aufgabenstellung zusammenhängen (Zeichnen und beschriften Sie eine einfache Karte mit der Sprachlandschaft, in der Sie leben und sich bewegen). Dies lässt sich jedoch ohne Vergleichsdaten, bei denen statt von Sprachlandschaft z.B. von Dialektlandschaft die Rede wäre, nicht entscheiden.

Anhand der gezeichneten Karten lässt sich eine grundlegende Typologie (geografische vs. kognitive Karten) bestätigen und weiterentwickeln. Man kann die Existenz von zwei grundlegenden Kartentypen als Ausdruck zwei verschiedener, jedoch eng miteinander verbundener Wissensschichten interpretieren. Die eine dieser Schichten beinhaltet das sozial geteilte, medial und schulisch vermittelte und gefestigte Wissen (entsprechend dem Typ geografische Karte), die andere das individuell geprägte und entsprechend auch individuell repräsentierte Wissen (entsprechend dem Typ kognitive Karte). Besonders diese zweite Schicht erfährt im kartografischen Ausdruck eine beeindruckende Vielfalt der symbolischen und ikonischen Darstellung, die sich an umfangreicherem Material noch weiter systematisieren (und bestimmt um andere Typen erweitern) liesse.

Für eine Bestätigung der hier gemachten Beobachtung und eine Vertiefung der Typologie der Karten und des Zusammenspiels ihrer Elemente müssten weitere Daten erhoben und ausgewertet werden, sowohl in Basel als auch an andern Orten.

 

Literaturangaben

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 Linguistik online 20, 3/04

ISSN 1615-3014