Linguistik online  26, 1/06


Ausspracheabweichungen im Hochdeutsch thailändischer Immigrantinnen in der Deutschschweiz [*]

Korakoch Attaviriyanupap (Bern/Nakhon Pathom)



1 Einleitung

Muttersprachler des Thailändischen, einer isolierenden Tonsprache, haben stets Ausspracheschwierigkeiten beim Lernen des Deutschen. Dies ist ein bekanntes tückisches Problem. Jedoch findet man selten eine Übersicht über ihre systematischen Ausspracheabweichungen in der Zielsprache Deutsch. Der vorliegende Aufsatz befasst sich mit diesem Thema. Als Korpus dienen deutsche Äußerungen thailändischer Immigrantinnen in der Deutschschweiz, die im Rahmen einer empirischen Untersuchung zum Erwerb der deutschen Verbalmorphosyntax erhoben wurden.[1] Da es sich bei den erhobenen Daten um spontane mündliche Äußerungen handelt, können sehr viele Ausspracheabweichungen festgestellt werden, die bei vorsichtigeren und bewussten Sprechsituationen, wie z. B. beim Vorlesen im Deutschunterricht, geringer sein könnten. Die systematischen Abweichungen, die im Korpus vorkommen, sind m. E. zum größten Teil auf die Unterschiede zwischen der Zielsprache Deutsch und der Muttersprache Thailändisch zurückzuführen. Aus kontrastiver Sicht sind sie vorhersagbar und in dem hier verwendeten Korpus finden sich Belege für die Richtigkeit solcher Prognosen.

Die vorliegende Arbeit hat zwei Ziele: Zum einen soll eine kontrastive Analyse der thailändischen und deutschen Lautsysteme durchgeführt, zum anderen sollen Ausspracheabweichungen thailändischer Deutschlernender am Beispiel thailändischer Immigrantinnen in der Deutschschweiz aufgezeigt werden.

2 Vergleich des deutschen und des thailändischen Lautsystems

Das Thailändische weist im Hinblick auf seine phonetisch-phonologische Struktur die Merkmale einer monosyllabischen Tonsprache mit einer einfachen Silbenstruktur auf. Sie unterscheidet sich vom Deutschen in dieser Hinsicht sehr stark, und zwar sowohl im Hinblick auf Einzellaute als auch auf die Silbenstruktur bis hin zu den suprasegmentalen Einheiten. Die vorliegende kontrastive Analyse beschäftigt sich allerdings nur mit Aspekten der segmentalen Ebene und der Silbenstruktur. Die Lautsysteme des Deutschen und des Thailändischen sollen im Folgenden lediglich im Hinblick auf Vokale, Konsonanten und Silbenstruktur dargestellt werden, die auch den anschließend darzustellenden Ausspracheabweichungen zugrunde liegen.

Bei der Darstellung der Vokal- und Konsonantenphoneme der beiden Sprachen lassen sich in der relevanten Literatur nicht selten Uneinigkeiten finden. Der folgenden Beschreibung liegen die Arbeiten von Hall (2000), Kummer (2004), Naksakul (2002) sowie Kohler (1999) und Tingsabadh/Abramson (1999) im IPA-Handbuch zugrunde. [2]


2.1 Vokale

Das Vokalinventar des Thailändischen mit 18 Monophthongen und 3 Diphthongen ist im Vergleich zu demjenigen der deutschen Standardsprache mit 16 Monophthongen und 3 Diphthongen ungefähr gleich groß. Jedoch bestehen hier sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede, wie die grafische Darstellung der Vokale der beiden Sprachen sichtbar machen soll.

Abb. 1: Monophthonge im Deutschen und im Thailändischen

Deutsch (Hall 2000: 26)
Thailändisch (Tingsabadh/Abramson 1999: 148)
Zu jedem Kurzvokal gibt es einen langen Vokal als Gegenstück

Die oben angeführten Vokale sind bewusst phonologisch dargestellt. Die deutsche Standardsprache zeichnet sich phonetisch durch Unterscheidung der Vokale in der Muskelspannung aus. Phonetisch beschrieben gibt es deshalb noch drei weitere Vokale: [i], [e] und [y] als kurze Varianten zu den entsprechenden langen gespannten Vokalen, z. B. ideal [ide'al], uni [yni], Moral [moral]), jedoch kommen sie nur in unbetonten Silben von Fremdwörtern vor und sind phonologisch nicht relevant. Hingegen hat die Vokalquanität (kurz vs. lang) eindeutig eine bedeutungsunterscheidende Funktion. Muskelspannung und Vokalquanität werden häufig als korrelierend angesehen. Im Allgemeinen sind die Vokale im Deutschen entweder lang und gespannt bzw. geschlossen oder kurz und ungespannt bzw. offen. Eine Ausnahme bildet [], das lang und ungespannt ist. Es gibt deshalb unterschiedliche Arten, den phonologischen Unterschied zu markieren. In der vorliegenden Arbeit wird die obige Darstellung gewählt. [3]

Die meisten thailändischen Vokale haben ihre Entsprechung im Deutschen, jedoch weisen die beiden Vokalsysteme auffällige Unterschiede auf. Das thailändische Vokalsystem ist mit 9 langen und 9 kurzen Monophthongen sehr symmetrisch aufgebaut. Die Vokalquantität spielt eine bedeutende Rolle. Die langen Vokale unterscheiden sich in der Spannung und im Öffnungsgrad erheblich von den kurzen. Im thailändischen Lautsystem wird deshalb ein Zeichen immer in zwei Varianten (mit und ohne Länge-Zeichen) dargestellt. Uneinheitliche Darstellungen lassen sich bei den Vokalen [], [], [] und [] finden. Ungerundete Hinterzungenvokale sind schwierig von den zentralisierten Vokalen mit gleicher Zungenhöhe abzugrenzen, deshalb findet man in phonologischer Darstellung der thailändischen Vokale ebenfalls die Verwendung der Zeichen [], [], [] und [] dafür (vgl. z. B. Kelz/Kummer 1989: 22; Kummer 2004: 6). Sie sind allerdings phonologisch äquivalent. Die obige Darstellung wird von thailändischen Phonetikern häufiger benutzt und wurde deshalb auch für die vorliegende Arbeit übernommen.

Eine besondere Gruppe im Vokalinventar des Deutschen bilden die gerundeten Vorderzungenvokale, die in relativ wenigen Sprachen vorkommen (Dieling 2004: 12). Diese Vokale ([], [y], [], []) kommen im Thailändischen nicht vor. Dagegen hat das Thailändische bei entsprechenden Zungenlagen ungerundete Vokale ([], [], [], []).

Das Schwa [] nimmt im Deutschen eine Sonderstellung ein, weil es nur in unbetonter Position auftritt. Dagegen ist ein ähnlicher Vokal ([]) zwar im Thailändischen ebenfalls vorhanden, aber der Vokal steht nicht nur in unbetonten Endsilben. Es gibt außerdem ein langes Gegenstück dazu (vgl. []).

Das [], das im Deutschen bei der Endung -er ausgesprochen wird (z. B. Butter), existiert im Thailändischen nicht. Dieser Vokal hat im Deutschen allerdings keinen Phonemstatus und wurde deshalb nicht mit in das obige Vokalviereck aufgenommen. Entweder wird der Laut als vokalisiertes R (Hall 2000: 71) oder als []-Diphthong (Kohler 1999: 88) bezeichnet.

Abb. 2: Diphthonge im Deutschen und im Thailändischen

Deutsch (Kohler 1999: 87)
Thailändisch (Tingsabach/Abramson 1999: 148)

 

Während im Deutschen wie auch in vielen anderen Sprachen, [], [], [] als Diphthonge bezeichnet werden, haben die entsprechenden Laute im Thailändischen keinen Status als Diphthonge. Die im Thailändischen als Diphthongen eingeordneten Vokale sind [], [] und []. Alle sind fallende Diphthonge. Zu jedem thailändischen Diphthong treten zwei Allophone auf, nämlich kurze und lange Realisierungen. Die den deutschen Diphthongen ähnlichen Laute im Thailändischen werden als eine Silbe mit der Struktur VK bezeichnet, d. h. die Silbe besteht aus einem Monophthong und einem Auslautkonsonanten und wird mit [aw], [aj] oder [j] transkribiert. Um den Status als Diphthong zu testen, kann man einen Konsonanten im Auslaut hinzufügen. Das thailändische Lautsystem erlaubt keinen Konsonantencluster im Auslaut. Dass sich an den steigenden Diphthongen kein zusätzlicher Konsonant anhängen lässt, ist ein Hinweis darauf, dass der zweite Laut in der Lautverbindung hier den Status eines Konsonanten und nicht den eines Vokals im Diphthong hat. Bei den fallenden Diphthongen [], [] und [] können hingegen fast alle Auslautkonsonanten auftreten. Es gibt nur wenige Ausnahmen wie z. B. die Unzulässigkeit der Kombination von [] mit [j] als Auslautkonsonanten (vgl. Naksakul 2002: 62f.). Weil im Thailändischen das Anhängen von Konsonanten bei den steigenden Diphthongen [], [], [] nicht möglich ist, sind die hohen Vokale in diesem Fall als Allophone der Konsonantenphoneme /w/ und /j/ zu betrachten.

2.2 Konsonanten

Sowohl das Deutsche als auch das Thailändische verfügen im Vergleich zu anderen Sprachen über ein mittelgroßes Konsonanteninventar. Die beiden Sprachen haben einen Bestand von 21 Konsonantenphonemen. Die dazugehörenden Phoneme sehen jedoch unterschiedlich aus, wie die folgende Tabelle zeigt.

Tabelle 1: Konsonanten im Deutschen und im Thailändischen (nur thail. nur dt.)

Es gibt sowohl im Deutschen als auch im Thailändischen Plosive, Frikative, Nasale, Laterale, Vibranten und Approximanten bzw. Halbvokale. Für den Vibranten [r] im Deutschen gibt es phonetisch verschiedene Varianten. Üblicherweise spricht man von drei Allophonen: [r], [R] und []. Die Bestimmung des Phonems als /r/, /R/ oder // ist theorieabhängig. Kohler (1999: 86) nimmt beispielsweise [] als Phonem in die deutschen Konsonantentabelle auf, und zwar als stimmhaften Gegensatz zu dem stimmlosen Laut []. Um eine bessere Übersicht über das Konsonanteninventar des Thailändischen im Vergleich zu demjenigen des Deutschen zu ermöglichen, wird nur die Variante [r] in der Tabelle dargestellt. Die anderen Allophone sind aus einer an Minimalpaaren orientierten Perspektive für thailändische Deutschlernende nicht von Belang. [4] Die beiden kombinatorischen Allophone [] und [x] gibt es im Thailändischen dagegen nicht, deshalb werden beide Varianten in der Tabelle angeführt.

Die Affrikaten sind absichtlich nicht in die obige Tabelle aufgenommen worden, weil es sich nicht um Einzelkonsonanten, sondern um Konsonantenverbindungen handelt. Im Deutschen gehören zu den Affrikaten die Kombinationen [pf] (z. B. Pferd), [ts] (z. B. Zahn), [t] (z. B. Matsch) und [d] (z. B. Gin). Was das Thailändische betrifft, werden die konsonantischen Laute [c] und [ch], die hier den palatalen Plosiven zugeordnet sind, nicht selten als post-alveolare Affrikaten [t] und [t] bezeichnet (vgl. z. B. Tingsabadh/Abramson 1999 oder Kummer 2004). Allerdings ist es m. E. sinnvoller, die beiden Laute den Plosiven zuzuordnen, wie es z. B. bei Hudak (1987; 1994) oder Naksakul (2002) der Fall ist. Anders als bei den anderen Plosiven wird bei der Artikulation von [c] und [ch] der Verschluss durch das Zungenblatt gebildet. Deshalb wird gleichzeitig ein Zischlaut mitproduziert, so dass sie wie Affrikaten klingen, allerdings weicher artikuliert werden als etwa im Deutschen. Das Lautinventar des Thailändischen beinhaltet nicht viele Frikative. Darüber hinaus werden selbst die Plosive im Vergleich zu vielen europäischen Sprachen wie Englisch oder Deutsch weicher ausgelöst. Die Zuordnung dieser zwei Konsonantenlaute zu den Affrikaten ist deshalb m. E. nicht notwendig, zumal ihre Klassifizierung als Plosive, Frikative oder Affrikaten nicht phonemisch relevant ist.

Obgleich es im Deutschen bei den stimmlosen Plosiven sowohl aspirierte als auch unaspirierte Varianten gibt, d. h. [p], [ph], [t], [th], [k], [kh], hat die Aspiration keine bedeutungsunterscheidende Funktion, so dass die jeweiligen aspirierten bzw. unaspirierten Varianten als Allophone zu betrachten sind. Dagegen haben die aspirierten Plosive im Thailändischen Phonemstatus. Man kann aus einem unaspirierten Laut und seinem aspirierten Gegensatz ein Minimalpaar bilden wie z. B. [p] = Wald und [ph] = schneiden, [ta] = Auge und [tha] = einreiben, oder [kj] = Huhn und [khj] = Ei. Aus diesem Grund wurden die aspierierten Plosive in der obigen Tabelle als "nur thail." markiert.

Das Thailändische verfügt im Vergleich zum Deutschen über deutlich weniger stimmhafte Konsonanten. Vor allem bei den Frikativen ist kein einziger stimmhafter Konsonant vorhanden. Erwähnenswert sind weiter die Konsonanten [l] und [r]. Im Unterschied zu vielen anderen asiatischen Sprachen (z. B. Japanisch, Koreanisch, Laotisch), wo entweder kein [r] auftritt oder kein phonemischer Unterschied zwischen diesen beiden Lauten besteht, gelten die beiden Laute im Thailändischen als zwei unterschiedliche Phoneme. Jedoch besteht umgangssprachlich die Tendenz, den Lateral [l] anstelle des Vibranten [r] zu realisieren. Hier lässt sich außerdem soziolinguistische Variation feststellen. In den meisten Dialekten kommt der schwieriger zu artikulierende Laut [r] nicht vor. Der Laut wird hingegen von gebildeten Personen, meistens Bangkokern, vor allem beim vorsichtigen und langsamen Sprechen deutlich realisiert. In Bildungsinstitutionen und in den Medien wird die Artikulation von [r] immer angestrebt, weswegen auch die Schulbildung bei der Realisierung von [r] eine bedeutende Rolle spielt. Nach Hudak (1987: 33) befindet sich der phonemische Status von /l/ und /r/ im Wandel, weil es an stabilem Kontrast zwischen den beiden Lauten mangelt. Diese Auffassung teilen auch Tingsabadh/Abramson (1999: 149). Jedoch werden die beiden Konsonanten in allen Beschreibungen zur thailändischen Sprache als zwei separate Phoneme behandelt. Diese Einteilung ist in Zusammenhang mit dem Schriftsystem zu sehen, in dem es dafür zwei verschiedene Buchstaben gibt.

2.3 Silbenstruktur

Die Silbenstruktur einer Sprache bestimmt die Möglichkeiten des Auftretens und der Kombinationen der segmentalen Einheiten. Obwohl die Lautinventare der beiden Sprachen ungefähr gleich groß sind, gibt es im Hinblick auf die Silbenstruktur einen großen Unterschied.

Während im Thailändischen alle Konsonanten im Anlaut vorkommen, können nur [p], [t], [k], [m], [n], [], [w], [j] und [] in finaler Position einer Silbe stehen. Zu den finalen Verschlusslauten ist zudem hervorzuheben, dass diese nur im Ansatz gebildet, aber nicht explosiv gelöst werden. Ungelöste Verschlusslaute werden gebildet, indem der Luftstrom blockiert, jedoch der Mund nicht wieder geöffnet wird, wie es sonst bei Plosiven üblich ist. Diese Besonderheit führt dazu, dass zwischen stimmhaften und stimmlosen Plosiven im Auslaut anders als im An- und Inlaut kein Bedeutungsunterschied besteht: die Stimmhaftigkeit ist hier phonologisch nicht relevant. Aus systematischen Gründen schließe ich mich Naksakul (2002) an und verwende für die diese Auslaute die stimmlosen [-], [-], [-], denn der Konsonant [] ist im Thailändischen nicht vorhanden und sollte daher m. E. nicht plötzlich als Auslaut auftreten, obwohl stimmhafte Realisierung vor allem bei Assimilation möglich ist.[5]

Im Deutschen sind solche Positionsbeschränkungen minimal. Fast alle Konsonanten können sowohl im Anlaut als auch im Auslaut vorkommen. Es gibt nur wenige Ausnahmen. Der Knacklaut [] kommt nur vor einem betonten Vokal vor oder markiert die Silbengrenze, wenn Vokale aus zwei verschiedenen Silben aufeinander treffen. Der Konsonant [] kommt nie im Anlaut vor, während [h] niemals in finaler Position ist. Darüber hinaus tritt in der deutschen Standardsprache das Phänomen der Auslautverhärtung auf, so dass stimmhafte Plosive und Frikative im Auslaut stimmlos realisiert werden. Deshalb kommen [b], [d], [], [v] und [z] nicht im Auslaut vor.

Das Thailändische ist phonotaktisch einfach gebaut. Die im Thailändischen möglichen Verbindungen von Vokalen (V) und Konsonanten (K) sind: V, VK, KV, KKV, KVK und KKVK. Zu jeder Silbe wird außerdem ein bestimmter Ton festgelegt. Die Möglichkeit der Bildung von thailändischen Konsonantenverbindungen ist sehr begrenzt, d. h. sie sind höchstens zweistellig, wobei der zweite stimmhaft ist, und treten nur im Anlaut auf. Es gibt daher insgesamt nur 12 mögliche Konsonantenkombinationen: [pr, pl, phr, phl, tr, thr, kr, khr, kl, khl, kw, khw].

Im Deutschen gibt es dagegen viel mehr Kombinationsmöglichkeiten. Die Anhäufung der Konsonanten im Auslaut stellt den auffälligsten Unterschied der deutschen Silbenstruktur im Vergleich zum Thailändischen dar, wo an dieser Stelle niemals ein Konsonantencluster zugelassen ist. Der Anteil der Konsonanten innerhalb eines deutschen Wortes ist im Vergleich zu anderen Sprachen sehr hoch. Im Silbenanlaut können 0-3, im Silbenauslaut 0-5 Konsonanten stehen, und zwar mit unterschiedlichen Kombinationsmöglichkeiten (vgl. z. B. die Auflistung bei Fischer/Uerpmann 1996: 41f., 52f.). An Silben- und Wortgrenzen, z. B. bei Herbststurm (KVKKKKKKVKK), kann es sogar zu einem regelrechten Konsonanten-"Stau" kommen (Dieling 2004: 4). Solche Wörter sind besonders für Lernende, in deren Muttersprache nur einfache Silbenstrukturen vorkommen, wie z. B. für thailändische Deutschlernende, schwer bis unmöglich auszusprechen.

3 Zum Korpus

Im Zeitraum zwischen Juni und Oktober 2004 wurden mit thailändischen Informantinnen insgesamt 10 informelle Gespräche auf Hochdeutsch geführt. Bei jeder Aufnahmesituation waren mindestens drei Personen anwesend: die Informantin, eine Begleitperson, die nicht über Thai-Kenntnisse verfügt, und die Autorin der vorliegenden Untersuchung. Die Anzahl der Informantinnen war allerdings größer als die Anzahl der Gespräche, weil teilweise mehrere thailändische Immigrantinnen an einem Gespräch teilnahmen. Während dieser 10 Tonaufnahmen wurden deutsche Äußerungen von insgesamt 16 thailändischen Immigrantinnen aufgenommen. Die Gespräche wurden mit einem MiniDisc-Gerät (SONY Net MD Walkman MZ-N710) aufgezeichnet. Das Korpus besteht allerdings nicht aus dem gesamten erhobenen Sprachmaterial, sondern nur aus der Transkription, die ich angefertigt habe. Die Länge der Transkription ist bei jeder Informantin unterschiedlich, sowohl in Bezug auf die zeitliche Länge als auch den Inhalt betreffend. Die kürzeste Transkription umfasst 15 und die längste 40 Minuten. Die Anzahl der Wörter [6] reicht von 128 bis 2'404. Da es sich bei dieser Transkription nicht um eine ausführliche phonetische Umschrift handelt, werden die Daten für die vorliegende Arbeit nicht quantitativ ausgewertet, sondern nur beispielhaft zur Beschreibung der Ausspracheabweichungsphänomene verwendet.

Die Informantinnen waren zum Zeitpunkt der Aufnahme 27 bis 44 Jahre alt. Sie sind mit Schweizern verheiratet und wohnen in der Region Bern. Die Dauer ihres bisherigen Aufenthalts in der Schweiz war sehr unterschiedlich, von ca. 7 Monaten bis zu 15 Jahren. Einige von ihnen besuchten gerade einen Deutschkurs, während andere diese Phase längst hinter sich hatten, weil sie schon sehr lange in der Schweiz leben. Zwei Personen verfügen über keine Englischkenntnisse, während die anderen Englisch als erste Fremdsprache gelernt haben, allerdings mit unterschiedlichem Niveau. Nur eine von ihnen kann außer Thailändisch, Deutsch und Englisch noch ein wenig Französisch sprechen.

4 Die Ausspracheabweichungen bei den thailändischen Immigrantinnen

Im Laufe der Aufbereitung der erhobenen Daten haben sich systematische Abweichungen auf der phonetisch/phonologischen Ebene gezeigt, die mit den Unterschieden zwischen der Ausgangssprache Thailändisch und der Zielsprache Deutsch zusammenhängen. Im Folgenden werden zwei Bereiche mangelhafter Aussprache der Informantinnen unterschieden: Probleme im Bereich des Vokalismus und solche im Bereich des Konsonantismus.

4.1 Abweichungen im Bereich des Vokalismus

Im Bereich des Vokalismus sind die Schwierigkeiten nicht so auffällig. Da das thailändische Vokalinventar ungefähr gleich groß wie das deutsche ist und Unterschiede in der Vokalquantität (kurz vs. lang) in beiden Sprachen eine bedeutungsunterscheidende Rolle spielen, haben die Informantinnen in dieser Hinsicht keine Probleme. Das größte Problem bilden die deutschen gerundeten hohen und Vordervokale ([], [y], [], []), die im Thailändischen nicht vorkommen. Meistens werden diese Vokale durch die ungerundeten zentralen thailändischen Vokale mit entsprechender Zungenlage ([],[],[],[]) ersetzt. Solche Abweichungen lassen sich jedoch beim Hören nicht so einfach feststellen. Hingegen ist es auffällig, wenn die Informantinnen diese Vokale als gerundete Hintervokale realisieren, also [], [u] anstelle von [], [y] und [o], [o] anstelle von [], [], z. B. [gemus] für Gemüse und [psonlk] für per sönlich.

Noch zwei andere deutsche Vokale kommen im Thailändischen nicht vor: [] und []. Für die thailändischen Immigrantinnen in der Schweiz sind sie allerdings nicht problematisch, weil die beiden Laute selbst bei Schweizern selten als solche realisiert werden. Das -e als Endsilbe wird meist als offenes, schwach betontes [] gesprochen (vgl. z. B. Ammon et al. 2004: XXII), während das /r/ bei Endsilben auf -er meistens nicht in [] vokalisiert wird (Rash 2002: 137). Häufig sprechen die thailändischen Informantinnen anstelle von [] und [] dann [] oder betontes [].

Der Erwerb der deutschen Sprache in der diglossischen Deutschschweiz wird unvermeidlich von den Schweizer Mundarten beeinflusst. Der Einfluss des Berndeutschen im Bereich des Vokalismus ist in diesem Korpus ebenfalls zu beobachten. Während in der Standardsprache zwischen kurzem e und ä kein lautlicher Unterschied gemacht wird und beide Vokale üblicherweise phonetisch mit [] transkribiert werden, unterscheidet das Berndeutsche [] und [] (sowohl als lange als auch kurze Vokale) [7], welche den thailändischen Vokalen [e] und [] nahe liegen, weil sie offener sind als ihre deutschen Entsprechungen (vgl. Vergleichstabelle bei Kummer 2004: 6). Im Korpus lassen sich auch berndeutsche Varianten finden, z. B. gärn, sälber, die sich mit [] transkribieren lassen. Es ist außerdem auffallend, dass dieses offene [] bei einigen Personen als [a] wahrgenommen und gesprochen wird, so dass eine andere Variante entstanden ist, z. B. [] an Stelle von [] für berndt. gäll.

Auch wenn die deutschen Vokale nicht immer richtig ausgesprochen werden, führen Abweichungen in diesem Bereich kaum zu Verständnisproblemen, und wenn, dann zumindest nicht im selben Maße wie bei den Abweichungen im Bereich des Konsonantismus.


4.2 Abweichungen im Bereich des Konsonantismus

Ein auffallendes Ausspracheproblem bei den Informantinnen besteht darin, dass die meisten das thailändische Lautsystem auf das deutsche übertragen haben. Im Bereich des Konsonantismus sind drei Abweichungsphänomene zu erwähnen:

  • nicht erworbene Konsonanten,
  • abweichende oder fehlende Auslautkonsonanten,
  • nicht realisierte Konsonantencluster.
  • Das erste Phänomen betrifft die segmentale Ebene. Dagegen betreffen die anderen zwei Phänomene sowohl die einzelnen Segmente als auch die Silbenstruktur der Ziel- und Ausgangssprache.


    4.2.1 Nicht erworbene Konsonanten

    Ähnlich wie beim Erwerb von Vokalen bereiten Konsonanten, die es in der Muttersprache nicht gibt, den thailändischen Immigrantinnen Schwierigkeiten. Kaum realisiert werden [], [z]. Sie werden durch [k] und [s] ersetzt, die zum Lautinventar des Thailändischen gehören. Die ersetzten Realisierungen könnten auch durch die Schweizer Variante (sowohl Mundarten als auch Schweizerhochdeutsch) begünstigt werden, weil in der Deutschschweiz stimmhafte Plosive und Frikative normalerweise stimmlos realisiert werden. Damit sind die Abweichungen der Informantinnen zwar von der orthoepischen Norm gegeben, aber nicht unbedingt von ihrer realen sprachlichen Umgebung. Zwei andere Frikative, die im Thailändischen nicht existieren und die ebenfalls nicht erworben werden, sind [v] und []. Der erste Frikativ wird meistens durch den Halbvokal [w] ersetzt. Der zweite Laut kommt selbst im Deutschen nur selten vor, und zwar nur in Fremdwörtern. In den erhobenen Daten liegt kein einziges Wort mit diesem Laut vor. Die Affrikate [ts] ist zwar bei manchen Informantinnen hörbar, aber bei mehreren Personen lässt sich die Abweichung feststellen, dass [s] anstelle von [ts] gesprochen wird. [pf], welches vermutlich auch Ausspracheschwierigkeiten bereiten könnte, kommt im ganzen Korpus nur einmal bei pflegen vor. Die Affrikate wurde allerdings richtig gesprochen.[8]

    Die bis jetzt erwähnten Abweichungen sind allerdings nicht auffällig problematisch, zumal die Stimmhaftigkeit in spontanen Gesprächen, oft nicht deutlich zu hören ist. Solche Abweichungen spielen im Hinblick auf die Verständlichkeit keine große Rolle.

    Auch die Ich- und Ach-Laute, [] und [x], die im Standarddeutsch und auch im vorliegenden Korpus häufig vorkommen, müssen bei den meisten Informantinnen in die Kategorie "nicht erworben" eingeordnet werden. Im Hinblick auf den Erwerb dieser beiden Laute lassen sich die Informantinnen dabei in drei Gruppen gliedern. Die erste Gruppe hat die beiden Laute nie realisiert. Bei der zweiten Gruppe ist der Ach-Laut [x] erworben, der Ich-Laut [] hingegen nicht. Nur zwei Informantinnen können beide Laute richtig sprechen, tun dies jedoch nicht konsequent, d. h. auch bei ihnen kommen häufig Abweichungen vor. Die Abweichungen sind systematisch und vorhersagbar. [x] wird immer durch den am gleichen Artikulationsort realisierten Plosiv, also [k], ersetzt, während anstelle von [] zwei mögliche Varianten vorkommen: [k] oder [x]. Die zweite Variante entsteht wahrscheinlich, weil der Ach-Laut in der von Mundart geprägten Sprachsituation in der Deutschschweiz viel häufiger zu hören ist. Die Abweichungen lassen vermuten, dass die Erwerbsstufe bei allen thailändischen Muttersprachlern in der Schweiz so aussieht: [k] > [x] > [] . Dies lässt sich im Rahmen dieser Studie zwar noch nicht bestätigen, scheint aber plausibel, zumal der Input im Alltag dieser Immigrantinnen mehrheitlich von [x] geprägt ist.[9]

    4.2.2 Abweichende oder fehlende Auslautkonsonanten

    Da stimmhafte Plosive, Frikative und Affrikaten im Deutschen wegen der Auslautverhärtung nicht im Auslaut vorkommen können, haben thailändische Immigrantinnen hier ein Problem weniger. Man könnte positiv vermuten, dass Auslautkonsonanten mit Ausnahme der Ich- und Ach-Laute die anderen Auslautkonsonanten problemlos von ihnen gesprochen werden können, weil es die gleichen Konsonanten sind, die auch im Thailändischen vorkommen. Dies ist jedoch nicht der Fall, da im Thailändischen nicht alle Konsonanten an der finalen Position einer Silbe erlaubt sind. Die Zahl der silbenschließenden Konsonanten ist auf die acht folgenden beschränkt: [], [], [], [m], [n], [], [w], [j].[10] Die Abweichungen im Korpus lassen sich in drei Gruppen gliedern:

  • Verschlusslaute: Während im Deutschen kein Unterschied zwischen den Plosiven in erster oder finaler Position einer Silbe existiert, müssen im Thailändischen Verschlusslaute im Auslaut getrennt von denen im Anlaut behandelt werden. Verschlusslaute, die an der silbenschließenden Position stehen, werden nicht gelöst. Diese Auslautkonsonanten werden im Gegensatz zu den initialen Plosiven als "Stop" bezeichnet (Naksakul 2002: 18ff.), weil sie in finaler Position zwar im Ansatz wie die Plosive, d. h. mit Blockierung des Luftstroms am Artikulationsort, gebildet, aber nicht explosiv gelöst werden. Gelöste und ungelöste Verschlusslaute sind als kombinatorische Allophone zu betrachten. Zwar kommen Plosive ohne Verschlusslösung bei schneller Sprachweise auch im Deutschen vor [11] und können ebenfalls als Allphone der gelösten Verschlusslaute betrachtet werden , aber als einziger Konsonant in der Koda werden sie immer gelöst. Die nicht gelösten Verschlusslaute gelten als eine phonetische Besonderheit des Thailändischen (vgl. 2.3). Dies führt dazu, dass die Informantinnen die deutschen silbenschließenden Konsonanten nicht deutlich artikulieren, sondern diese Laute entsprechend der thailändischen Realisierung nur ansatzweise bilden und den Verschluss nicht lösen, weshalb häufig schwer zu erkennen ist, ob überhaupt ein Auslautkonsonant artikuliert wurde.
  • Frikative: Da die Frikative [f] und [s] im Thailändischen nie am Silbenende vorkommen, treten bei diesen Auslautkonsonanten Abweichungen auf. Anstelle eines Frikativs wird ein Stop realisiert, also [h] anstelle von [hv] für engl. have oder [a] statt [a f] für scharf, [m] statt [ms] für muss oder [b] statt [bs] für bis, [p] statt [ps] für öppis, sowie [f] statt [f] für Fisch oder [t] statt [t] für Tisch. Die Strategie, einen Frikativ durch einen Verschlusslaut mit gleichem Artikulationsort zu ersetzen, entspricht also dem oben erwähnten Ersatz von Ich- und Ach-Lauten durch [k].
  • Der Lateral [l]: Zwar können alle thailändischen Muttersprachler diesen Laut produzieren, aber für die meisten ist es schwierig, ihn in silbenschließender Position auszusprechen. Unter den 16 Informantinnen gab es nur eine Person, die den Auslautkonsonanten [l] mehrheitlich richtig ausgesprochen hat. Die Abweichungen gehen in zwei Richtungen. Entweder wird der Laut durch den Nasal [n] ersetzt, z. B. [man] für mal, [nn] für schnell, [hotn] für Hotel, [wn] für will, [tun] für Stuhl usw., oder der Konsonant wird als Halbvokal [w] gesprochen. Dieser Halbvokal wird aber nicht bilabial, sondern velar realisiert, wenn er im Auslaut auftritt (vgl. Konsonantentabelle in 2.2), so dass er wie der Vokal [u] gesprochen wird. Diese Abweichung wird insbesondere dadurch begünstigt, dass sie dem vokalisierten -l im Berndeutschen entspricht, z. B. [m] für mal, [manm] für manchmal, [fiw] für viel, [w] für geld, [hotw] für hotel, [ww] für will usw., und kann auf den Einfluss von sowohl der Muttersprache als auch von Schweizer Mundart (hier Berndeutsch) zurückgeführt werden, während der Ersatz durch [n] eindeutig auf den Einfluss der Muttersprache zurückgeht.[12]
  • Wie die deutschen Auslautkonsonanten dem thailändischen Lautsystem angepasst werden, lässt sich folgendermaßen darstellen:

    Tabelle 2: Abweichende Realisierungen der Auslautkonsonanten


    4.2.3 Nicht realisierte Konsonantencluster

    Die Mehrheit der phonetischen Untersuchungen zum Zweitspracherwerb bezieht sich auf Fragen der Produktion und Perzeption einzelner Laute, nicht jedoch auf Distribution und Kombinationsmöglichkeiten. Die oben erwähnten Abweichungen bei den Auslautkonsonanten haben bereits gezeigt, wie wichtig es ist, die gesamte phonologische Struktur der Ausgangs- und Zielsprachen zu berücksichtigen und nicht nur die segmentalen Elemente, denn diese Struktur ist es, die den "phonetischen Filter" beim Erwerb einer Zweitsprache bildet. Das im Folgenden beschriebene weitere Abweichungsphänomen, das im Korpus beobachtbar ist, fällt ebenfalls in diesen Bereich. Es betrifft die Produktion von Konsonantenclustern.

    Wie bereits geschildert ist die Bildung von Konsonantenverbindungen im Thailändischen sehr beschränkt. Es gibt insgesamt nur 12 mögliche Konsonantenkombinationen im Anlaut: [pr, pl, phr, phl, tr, thr, kr, khr, kl, khl, kw, khw]. Die Aussprache der beiden Konsonanten wird von Muttersprachlern des Thailändischen jedoch häufig vernachlässigt. Meistens wird der zweite Konsonant weggelassen. Am besten erhalten sind die beiden Kombinationen zwischen dem velaren Plosiv und dem bilabialen Halbvokal [kw, khw], wobei gelegentlich, wenngleich selten, ein Ersatz des zweiten Clusters durch den Frikativ [f] zu finden ist. Die Konsonantenverbindungen von Vibranten und Lateral werden in der informellen Alltagskommunikation oft nicht realisiert oder, falls doch, dann eher mit dem Lateral, weil viele thailändische Muttersprachler ohnehin Probleme haben, den Vibranten auszusprechen (vgl. 2.2). Probleme bei der Aussprache von Konsonantenclustern existieren also bereits in der Muttersprache und verstärken sich beim Erwerb einer anderen Sprache mit komplexeren Konsonantenverbindungen. Die für das Deutsche charakteristische Anhäufung von mehreren Konsonanten bereitet den thailändischen Immigrantinnen deshalb große Schwierigkeiten, was von diesem Personenkreis auch häufig thematisiert wird (vgl. Attaviriyanupap 2004). Meistens sind Fehler aufgrund von Vereinfachungsstrategien zu finden. Häufig werden Sprossvokale eingefügt oder die Anzahl der Konsonanten wird reduziert. Obwohl die Anzahl der Wörter mit silbeninitialen Clustern im untersuchten Korpus nicht sehr groß ist, lassen sich auch hier Beispiele finden: [pkn] für sprechen, [f] für Frau, [d] für drei usw. Selbst die in der Muttersprache vorhandenen Konsonantenkombinationen zwischen einem Plosiv und dem Vibranten oder dem Lateral werden nicht immer richtig gesprochen, z. B. [pobirn] für probieren.

    Beispiele für nicht realisierte Konsonantencluster im Korpus lassen sich mehrheitlich im In- und Auslaut finden: u.a. [mankam] für manchmal, [fn] für fünf, und [fil] für vielleicht.

    Im Zusammenhang mit dem Problem von Konsonantenclustern im Auslaut ist noch eine andere Art der Abweichung zu erwähnen. Sie betrifft die Auslautkonsonanten nach den deutschen Diphthongen [], [] und []. Bei den thailändischen Informantinnen kommt es sehr häufig vor, dass diese weggelassen werden. Wie bereits erwähnt, haben diese Lautkombinationen im Thailändischen nicht den Status von Diphthongen, sondern von Kombination zwischen einem Monophthong und einem Halbvokal [aw], [aj] und [j]. Da Konsonantencluster im Auslaut im Thailändischen nicht möglich sind, führt es logischerweise auch zu Ausspracheschwierigkeiten, wenn diesen Halbvokalen, die schon als silbenschließende Konsonanten gelten, noch ein weiterer Konsonant folgt. Im Korpus lassen sich solche Abweichungen häufig finden, vor allem [] für auch,[13] [h] für Haus, [s] für Zeit, [w] für Schweiz und [d] für Deutsch sind bei fast allen Informantinnen zu hören. Weitere Beispiele sind: [] für ein(s), [n] für nein, [hf] für Hausfrau, [arab] für Arbeit usw. Nicht zuletzt muss darauf hingewiesen werden, dass es mehrere Wörter gibt, die Kombinationen der erwähnten Ausspracheabweichungen aufweisen können, z. B. [n] für nicht, [m] für muss und/oder musst.


    5 Schlussfolgerung

    Während die deutsche Standardsprache sich durch eine energische und präzise Artikulation auszeichnet, erlaubt das Thailändischen beim Sprechen weitgehend ökonomische Artikulation. In dieser Hinsicht schließe ich mich Kummers Beschreibung an:

    Im gesprochenen Thailändisch ist der Hang zur weitgehenden Ökonomie in der Artikulaton festzustellen. Die Grundhaltung der Artikulationsorgane ermöglicht ein bequemes Sprechen ohne großen Aufwand. Die Sprechspannung und der Exspirationsdruck sind gering. Die Lippen werden nicht vorgestülpt und sind inaktiv. Der Unterkiefer bleibt passiv und die Mundöffnung ist verengt. Die Zunge liegt bei der Aussprache der obersten Vokalreihe höher im Mundraum, als dies z. B. bei den entsprechenden Lauten des Deutschen der Fall ist.[...] (Kummer 2004: 3)

    Im Bereich des Konsonantismus gibt es im Deutschen deutlich mehr Frikative, die naturgemäß schwieriger zu artikulieren sind als Konsonanten anderer Artikulationsarten. Die vielfältigen und vor allem komplexeren Silbenstrukturen im Deutschen bilden den größten Unterschied zum Thailändischen, was für thailändische Deutschlernende tückische Probleme bereiten kann.

    Die meisten thailändischen Immigrantinnen in der Deutschschweiz bezeichnen die Aussprache als ihr Hauptproblem beim Deutschlernen (Attaviriyanupap 2004: 14). Dieses Problem wurde von einigen Informantinnen auch während der Datenerhebung (in den Gesprächen auf Deutsch) spontan thematisiert. Viele deutsche Wörter haben sie im ungesteuerten Kontext gehört und danach versucht zu imitieren, wobei sie sie nicht immer richtig ausgesprochen haben. Das gravierendste Problem für sie sind Laute und Lautfolgen, die im thailändischen Lautsystem nicht vorkommen (ebd.). Die meisten Immigrantinnen sind sich bewusst, dass sie oft die Auslaute nicht aussprechen, weil dies für sie ungewohnt ist. Fast alle haben die Erfahrung gemacht, dass Schweizer ihr Deutsch nicht verstehen.

    Die kontrastive Analyse der Lautsysteme der beiden Sprachen sowie die Darstellung der im Korpus festgestellten Ausspracheabweichungen sollten deshalb für den Deutschunterricht für thailändische Muttersprachler nutzbar gemacht werden. Thailändische Deutschlernende haben mit Sicherheit Interesse daran, ein wenn nicht völlig akzentfreies, so doch möglichst gut verständliches Deutsch zu sprechen. Allerdings bringen sie die hierfür nachteilige Erfahrung mit sich, dass sie in ihrer Muttersprache auch ohne großen Artikulationsaufwand verstanden werden. Lehrpersonen dürfen sich deshalb nicht einfach an mangelhafte Aussprache gewöhnen und die bequemeren Artikulationsvarianten ihrer Kursteilnehmenden tolerieren, sondern sollen gezielter darauf achten, die Ausspracheprobleme an der Wurzel zu packen und Fehler angemessen zu korrigieren. Sowohl Lehrpersonen als auch Lernende sollten auf die besprochenen Probleme aufmerksam gemacht werden. Sonst werden die thailändischen Deutschlernenden im außerunterrichtlichen Alltag weiter nur "öppis halb" oder "überhaupt nicht" verstanden.

    Anmerkungen

    * Für fachbezogene Kommentare und Vorschläge möchte ich hier Beat Siebenhaar und einem anonymen Gutachter herzlich bedanken. Mein Dank geht auch an Elke Hentschel und Gabriela Perrig, die von Anfang an mit diskutiert, meinen Aufsatz gelesen sowie ihn inhaltllich und sprachlich-stilistisch verbessert haben. [zurück]

    1 Es handelt sich um die für meine Dissertation erhobenen Daten zum Thema "Der Erwerb des deutschen Verbparadigmas und seiner syntaktischen Implikationen bei thailändischen Immigrantinnen in der Deutschschweiz" (Arbeitstitel). Im vorliegenden Aufsatz wird allerdings nur der phonetisch-phonologische Aspekt behandelt.[zurück]

    2 Da die Darstellung der thailändischen Phoneme in dieser Arbeit dem Ansatz von Naksakul (2002) am nächsten liegt, orientiert sich die phonetische Umschrift für die thailändischen Wörter und die thailändisch angepasste Aussprache des Deutschen an den von ihr verwendeten Zeichen (ebd.: 42). Ein kleiner Unterschied ist bei den aspirierten Konsonanten zu finden. Dort wird das Aspirationszeichen h bei ph, th, ch und kh nicht hochgestellt.[zurück]

    3 Die Darstellung des deutschen Vokalsystems hängt allerdings von unterschiedlichen theoretischen Ansätzen ab. Als extrem anders zu bezeichnen gilt beispielsweise Beckers Auffassung (1998: 162), in der nur acht Monophthonge vorkommen. Er lässt die Opposition kurz-lang fallen. [zurück]

    4 Alle drei R-Allophone sind standardsprachlich üblich. Deutschlernende können die Form auswählen, die den entsprechenden Lauten ihrer Muttersprache am nächsten kommt und/oder ihnen am besten gefällt (Dieling 2004: 15).[zurück]

    5 Hingegen verwendet beispielsweise Kummer (2004: 8) die Zeichen [b'], [d'], ['].[zurück]

    6 Es handelt sich hier um automatische Wörterzählung. Als Wortgrenze gilt ein Leerzeichen. Es ist durchaus möglich, dass im Laufe der Gespräche nicht nur Deutsch, sondern auch Thailändisch gesprochen wurde. Beim Zählen der Wörter werden thailändische Wörter nur mit berücksichtigt, wenn sie zu deutschen Äußerungen gehören, d. h. vor allem mitten im Satz und in wenigen Fällen am Anfang oder am Ende einer Äußerung stehen, und nicht weggelassen werden können. Pausenzeichen, unverständliche Wörter sowie längere Äußerungen auf Thailändisch werden nicht mitgezählt.[zurück]

    7 D. h. im Berndeutschen gibt es anstatt drei Vokalphonemen [e], [] und [] vier, die sich als [], [], [] und [] transkribieren lassen.[zurück]

    8 Die betreffende Informantin arbeitet als Pflegerin in einem Altersheim. Deshalb ist dieses Verb m. E. als ein in ihrem Alltag häufig verwendetes Wort anzusehen, so dass sie dessen Aussprache vermutlich gut geübt hatte.[zurück]

    9 Der Unterschied zwischen [x] und [] ist in den Schweizer Mundarten nicht gegeben. Es gibt grundsätzlich nur den Ach-Laut. Sogar [k] im Anlaut wird meisten als Ach-Laut gesprochen, vgl. z. B. chrank, choche, d Chue, ds Chino, d Chuchi, dr Chopf usw. (Feuz 1995: 15).[zurück]

    10 Phonetisch betrachtet gibt es eigentlich noch einen weiteren möglichen Auslautkonsonanten, den Knacklaut [] (vgl. 2.3). Dieser Laut ist hier jedoch nicht relevant. Zum einen kommt er im Deutschen nur selten vor und ist wegen seiner Funktion als Silbengrenze nicht wirklich als Auslautkonsonant zu betrachten; er tritt immer zwischen zwei Silben auf und ist damit als Onset zur folgenden Silbe zu verstehen. Dagegen kommt er im Thailändischen sowohl im Anlaut als auch im Auslaut vor. Zum anderen ist es im Thailändischen üblicher, von acht Auslautkonsonanten zu sprechen, weil in der Orthographie des Thailändischen dieser Knacklaut nur mit einem Konsonantenzeichen geschrieben wird, wenn er im Anlaut auftritt. Hingegen wird er bei der Auflistung der möglichen Auslautkonsonaten häufig weggelassen.[zurück]

    11 Wenn man z. B. Akt oder Abt schnell spricht, wird der Verschluss von [k] bzw. [p] nicht gelöst.[zurück]

    12 Als ich einmal an einem Workshop für Deutschlehrer im DaZ-Bereich in Bern teilnahm, hat eine Teilnehmerin erzählt, dass einige Frauen in ihrem Deutschkurs Probleme haben, -l am Silbenende zu sprechen, obwohl dieser Laut zum Phoneminventar ihrer Muttersprache gehört und sie ihn problemlos als Anlautkonsonanten sprechen können. Dies erinnerte mich an meine Informantinnen und ich fragte die Lehrerin, ob es um thailändische Muttersprachlerinnen ging. Ihre Schülerinnen waren tatsächlich thailändische Immigrantinnen. Ich bezeichne deshalb diese Abweichung als muttersprachspezifisch, vor allem im Vergleich zum vokalisierten -l. Die Frage, ob dieses Phänomen auch bei Deutschlernern anderer Muttersprachen auftritt, kann im Rahmen dieser Arbeit leider nicht beantwortet werden.[zurück]

    13 Bei diesem Wort kann das Weglassen des Auslautkonsonanten als Einfluss des Berndeutschen betrachtet oder zumindest davon begünstigt werden, weil das berndeutsche Wort für auch (ou) keine Koda enthält.[zurück]

    Literaturangaben

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    Dieling, Helga (2004): "Deutsch". In: Hirschfeld, Ursula et al. (eds.): Phonetik International. Von Afrikaans bis Zulu: kontrastive Studien für Deutsch als Fremdsprache. CD-Rom.

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    Kummer, Manfred (2004): "Thailändisch". In: Hirschfeld, Ursula et al. (eds.): Phonetik International. Von Afrikaans bis Zulu: kontrastive Studien für Deutsch als Fremdsprache. CD-Rom.

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     Linguistik online 26, 1/06

    ISSN 1615-3014