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Werkstattbericht über das Projekt
"Die Südtiroler SchülerInnen und die Zweitsprache:
eine linguistische und sozialpsychologische Untersuchung"
1 Projektbeschreibung und -ziele
Das Gemeinschaftsprojekt "Die Südtiroler SchülerInnen
und die Zweitsprache: eine linguistische und sozialpsychologische
Untersuchung" zwischen dem Institut für Fachkommunikation und
Mehrsprachigkeit der Europäischen Akademie Bozen (Projektgesamtleitung: Andrea
Abel und Chiara Vettori) und dem Fachbereich für Kognitions- und
Erziehungswissenschaften der Universität Trient (Maria Paola Paladino),
entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen und Italienischen Schulamt
der Autonomen Provinz Bozen (Rita Gelmi, Walter Cristofoletti) und den
Südtiroler Oberschulen. Eine ganze Reihe von MitarbeiterInnen sind inhaltlich
und organisatorisch in das Projekt eingebunden, das nicht nur die Rolle der
Varietäten, sondern auch weitere Einflussfaktoren beim Zweitsprachlernen
untersuchen möchte.
Ziele des Projekts sind einerseits eine umfassende
Dokumentation und Analyse der Zweitsprachkompetenzen der Südtiroler
SchülerInnen der Sekundarstufe II auf linguistischer und soziolinguistischer
sowie sozialpsychologischer Ebene und andererseits die Untersuchung von
Zusammenhängen zwischen sprachlicher Leistung und außersprachlichen Faktoren
und die Ermittlung besonders solcher Faktoren, die sich auf Sprachkenntnisse
und sprachliches Verhalten positiv oder negativ auswirken.
Zu den Arbeitsschwerpunkten des Projekts gehören daher zum
einen eine (fehler‑) linguistische Untersuchung schriftlicher und
mündlicher Äußerungen von Südtiroler SchülerInnen der Sekundarstufe II und zum
anderen eine Erhebung (mittels Interviews, Fokusgruppen und Fragebogen) von
Faktoren, die Erlernung und Gebrauch der Zweitsprache der SchülerInnen
beeinflussen.
Im vorliegenden Beitrag werden erste Ergebnisse der
qualitativen Vorstudien, die mittels Interviews und Fokusgruppen durchgeführt
wurden, vorgestellt.
1.1 Hintergrund
Den Hintergrund der Studie bildet die sprachliche Situation
in Südtirol, das seit 1919 zu Italien gehört und wo auf einer Gesamtfläche von
rund 7400 km2 rund 500.000 Einwohner vor allem deutscher,
italienischer und ladinischer Muttersprache leben. Laut den Ergebnissen der
letzten Volkszählung aus dem Jahr 2001 bildet die deutsche Sprachgruppe 69,38%
der Bevölkerung und lebt sowohl in den Städten als auch im ländlichen Bereich,
während die italienische Sprachgruppe, die 26,30% der Bevölkerung ausmacht,
vorwiegend in den Städten zuhause ist. Die ladinische Sprachgruppe mit einem
Anteil von 4,32% an der Gesamtbevölkerung ist hauptsächlich in den beiden
Dolomitentälern (Gröden und Gadertal) beheimatet.1
Was den Status der deutschen Sprache in Südtirol betrifft,
so sind die wichtigsten Bestimmungen in Bezug auf die Sprachenrechte (wie etwa
die Sprachengleichstellung, der Sprachgruppenproporz, die
Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung, die Zweisprachigkeitsprüfung) durch den
Pariser Vertrag von 1946 und vor allem durch das Zweite Autonomiestatut von
1972 geregelt. Danach ist die "deutsche Sprache [...] in der Region der
italienischen Sprache, die die amtliche Staatssprache ist, gleichgestellt
[...]" (Art. 99 des Autonomiestatuts). "Die deutschsprachigen Bürger
der Provinz Bozen haben das Recht, im Verkehr mit den Gerichtsämtern und mit
den Organen und Ämtern der öffentlichen Verwaltung [...] ihre Sprache zu
gebrauchen." (Art. 100 des Autonomiestatuts). "In der Provinz Bozen
wird der Unterricht in den Kindergärten, Grund- und Sekundarschulen in der
Muttersprache der Schüler, das heißt in italienischer oder deutscher Sprache,
von Lehrkräften erteilt, für welche die betreffende Sprache ebenfalls
Muttersprache ist. In den Grundschulen [...] und in den Sekundarschulen ist der
Unterricht der zweiten Sprache Pflicht [...]" (Art. 19 des Autonomiestatuts)
(aus: Das neue Autonomiestatut 2003).
Die Erlernung der beiden Sprachen Deutsch und Italienisch
wird in Südtirol mit beträchtlichem Aufwand gefördert: Die Zweitsprache wird
als Fach nicht nur ab der ersten Klasse Grundschule bis zum Ende der Schulzeit
unterrichtet (mehr als 2000 Unterrichtsstunden von der Grundschule bis zur
Matura), sondern es gibt eine Reihe von besonderen Maßnahmen zur Verbesserung
der Sprachkenntnisse, wie die Förderung von Sprachkursen, die Unterstützung für
Auslandsaufenthalte, Partnerschaften mit Schulen anderer Unterrichtssprache,
eine zunehmende Anzahl von Schulversuchen mit erweitertem Deutschunterricht und
Sachfachunterricht in der Zweitsprache besonders an Schulen mit italienischer
Unterrichtssprache (cf. Abel 2007: 236–241, Abel/Stuflesser 2006: 65).
Trotz des beachtlichen Einsatzes an Mitteln und der vielen Initiativen sind
die Zweitsprachkenntnisse nicht immer zufriedenstellend, wie
verschiedene Untersuchungen über die Zweitsprachkompetenzen, Umfragen zur
Selbsteinschätzung der eigenen Sprachkenntnisse oder die Ergebnisse der
Zweisprachigkeitsprüfung2
zeigen (cf.
Putzer/Deflorian 1997, CENSIS 1997, Egger 2001, Vettori 2004, ASTAT 2006a,
ASTAT 2006b). So haben beispielsweise im Jahr 2005 lediglich 45,9% der
KandidatInnen die Zweisprachigkeitsprüfung bestanden (ASTAT 2006b). Laut
Südtiroler Sprachbarometer (ASTAT 2006a), der im Jahr 2004 mit eine
repräsentativen Stichprobe der Südtiroler Bevölkerung (Erwachsene ab dem 19.
Lebensjahr), durchgeführt wurde,
gibt 40% der italienischsprachigen Bevölkerung an, nur einzelne Wörter auf
(Hoch-)Deutsch sagen zu können, während 5,1% der Deutschsprachigen dasselbe in
Bezug auf das Italienische aussagt, ein Ergebnis, das die vielfach öffentlich
vorgebrachten Vermutungen über die Zweitsprachkenntnisse der beiden
Sprachgruppen zu bestätigen scheint.
Die tatsächliche Verwendung des Deutschen durch italienische
Muttersprachler wird besonders durch das Spannungsfeld bzw. die
Diglossiesituation zwischen den deutschen Dialekten und der Hochsprache
beeinflusst (cf. ASTAT 2006a, Egger 2004).
Abel/Stuflesser 2006: 65f.
Dem "Südtiroler Sprachbarometer" (ASTAT 2006a) ist
auch zu entnehmen, dass die Kenntnis des "deutschen Dialekts" nach
Ansicht von 88,7% der deutschsprachigen Bevölkerung für ein gutes Zusammenleben
wichtig ist, während nur 62,9% der italienischen Sprachgruppe diese Meinung
teilt (ASTAT 2006a: 171). 40,1% der italienischen Sprachgruppe nennt den
häufigen Gebrauch des Dialekts, der nicht mit dem in der Schule erlernten
Deutsch übereinstimmt, als eines der Haupthindernisse beim Zweitsprachlernen,
gefolgt vom Schulsystem, das – strikt getrennt in Schulen mit deutscher
und solchen mit italienischer Unterrichtssprache – den aktuellen
Erfordernissen nicht mehr gerecht werde. Beide Sprachgruppen sind (mit rund
40%) ziemlich einheitlich der Auffassung, dass schlichtweg mangelnder Wille das
Sprachenlernen erschwert; unterschiedlich ist die Auffassung in Bezug auf das
mangelnde Interesse als lernhemmender Faktor: 57,2% bei der deutschen und 14,3%
bei der italienischen Sprachgruppe (ASTAT 2006a: 176f.).
Die mangelnden Kenntnisse der Zweitsprache sowie die
z. T. festzustellende Distanz dazu steht zweifelsohne in einem
Zusammenhang mit der – durch das nach Sprachen getrennte Schulsystem
bedingten – vorwiegend einsprachigen und der aus historischer Perspektive
durchaus erklärbaren Sozialisation der Jugendlichen, in der die Zweitsprache
mehr den Stellenwert eines Schulfachs denn ein Instrument zur Kommunikation im
Alltag besitzt (cf. Abel/Stuflesser im Druck); außerdem lässt sie sich durch
die unterschiedliche Verteilung der Sprachgruppen auf dem Territorium erklären
(cf. Abel/Stuflesser, in Druck, Lanthaler 2006: 373, Baur 2000: 68–73).
Darüber hinaus zeigt die Sprachkontaktsituation in Südtirol,
dass physische Nähe, das heißt das
Leben mehrerer Sprachgruppen in ein- und demselben Territorium,
"paradoxerweise nicht unbedingt mit Dialogbereitschaft einhergeht. Das
wird z. T. aus historischen Situationen erzwungener Nähe heraus erklärt
(cf. Baur 2000: 31). Demnach bedeutet Nähe nicht automatisch, dass das
Sprachenlernen dadurch leichter wird." (Abel/Stuflesser 2006: 66).
Das lässt unter anderem auch die Tatsache erkennen, dass
Freundschaften hauptsächlich innerhalb der eigenen Sprachgruppe geschlossen
werden. Das Privatleben verläuft großteils einsprachig, auf Deutsch oder
Italienisch. Die Intergruppenkommunikation geschieht mehrheitlich auf
Italienisch (cf. ASTAT 2006a).
Diese wie eine Reihe anderer Beispiele und Überlegungen, die
man an dieser Stelle anführen könnte, weisen darauf hin, dass Südtirol eine
Region mit institutioneller Mehrsprachigkeit und vorwiegend einsprachig
orientierten Teilgesellschaften darstellt.
Die Fakten aus der Sprachrealität Südtirols werfen viele
im Hinblick auf die Ursachen der zum Teil unzureichenden Sprachkenntnisse bei der
jugendlichen Bevölkerung.
Die letzte große Studie zu den Zweitsprachkompetenzen sowohl
der deutsch- als auch der italienischsprachigen Mittel- und OberschülerInnen
von Putzer und Deflorian liegt mehr als zehn Jahre zurück (Putzer/Deflorian 1997).
Die Ergebnisse der Untersuchung von Vettori (2004) über die
Deutschkenntnisse italienischer Mittel- und OberschülerInnen aus Bozen und
Trient aus dem Jahr 2003 gab Anlass dazu, die Sprachkenntnisse der Südtiroler
SchülerInnen vertiefend zu analysieren.
Im selben Zeitraum wie die Untersuchung von Putzer und
Deflorian fanden im Auftrag der Landesregierung auch die Studie
"Motivation und Kontakte" (durchgeführt in den Jahren
1994–1996, Baur 1996) sowie eine Erhebung der didaktisch-methodischen
Gegebenheiten des schulischen Zweitsprachunterrichts statt (Carli/Fischer/Gelmi
1997). Die Ergebnisse der Studie wurden leider nie in Buchform veröffentlicht
und so einem größeren Publikum zugänglich gemacht. Außerdem wurden nie
Zusammenhänge zwischen den Ergebnissen der drei Einzelstudien herausgearbeitet.
Genau hier möchte die vorgestellte Studie ansetzen und zum ersten Mal
versuchen, Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen sprachlichen und
außersprachlichen Faktoren zu ermitteln, die das Zweitsprachlernen und die
Verwendung der Zweitsprache im Südtiroler Kontext beeinflussen.3
Die Untersuchung möchte damit neue
Einsichten bringen sowie Hilfen für künftige sprachpolitische Entscheidungen
bieten.
1.2 Methode(n)
Das Projekt entsteht in interdisziplinärer Zusammenarbeit
zwischen Linguistinnen der Europäischen Akademie Bozen (EURAC) und
(Sozial-)Psychologinnen der Universität Trient, aber auch DidaktikerInnen der
Schulämter der Autonomen Provinz Bozen - Südtirol.
In der ersten Projektphase kommen qualitative Methoden zum
Einsatz, nämlich Interviews mit Schlüsselfiguren aus verschiedenen Bereichen
und Fokusgruppen mit SchülerInnen der 4. Klasse der Sekundarstufe II, auf die
im Folgenden genauer eingegangen wird.
Die Ergebnisse aus dieser Projektphase bilden – neben
dem Studium der einschlägigen Fachliteratur – eine wichtige Grundlage für
den quantitativ ausgerichteten Projektteil, der aus einer Fragebogenerhebung
mit SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen und einer Sprachstandserhebung mit
SchülerInnen der 4. Klasse der Sekundarstufe II besteht und Ende 2007/Anfang
2008 durchgeführt wird.
Die SchülerInnen, die an der Untersuchung teilnehmen,
besuchen die 4. Klasse der Sekundarstufe II, das heißt die Klasse vor dem
letzten, dem Maturajahr (Abitur), und haben ein durchschnittliches Alter von
17–18 Jahren. Zudem sind Eltern und Lehrpersonen an der Fragebogenerhebung
beteiligt.
2 Erste Ergebnisse
2.1 Interviewstudie
Bereits im Jahr 2006 wurde eine erste Interviewstudie mit 16
Schlüsselfiguren, acht davon deutscher, acht italienischer Muttersprache, aus
vier verschiedenen Bereichen, nämlich Politik, Medien, Schule/Universität und
verschiedenen Institutionen, sowie mit unterschiedlichen beruflichen Profilen
(JournalistInnen, PolitikerInnen, L2-LehrerInnen, eine Schuldirektorin, eine
Erzieherin, Angestellte der Schulämter) durchgeführt.4
Ziel dieser Studie war es, Informationen
für die geplante und größer angelegte Fragebogenerhebung zu gewinnen und dabei
besonders soziokulturelle und psychologische Aspekte herauszuarbeiten, aber
auch Impulse für die Durchführung der Fokusgruppen zu gewinnen.
Die Daten wurden mithilfe semistrukturierter
Leitfadeninterviews erhoben; die Gespräche wurden in Form von explorativen
Experteninterviews geführt (cf. Kruse 2006: 140). Sie wurden anschließend
transkribiert und inhaltlich ausgewertet.
Folgende Themenbereiche wurden angesprochen: Schule und
Ausbildung, Sprachkompetenzen (L1 und L2 sowie die Rolle des Dialekts), Kontakt
und Austauschmöglichkeiten, Empfindungen, Gefühle und persönliche Erfahrungen,
Unterschiede zwischen den "ethnischen" oder sprachlichen Gruppen,
über Politik und Medien vermittelte "Botschaften" und schließlich
historische Aspekte.
Einige Ergebnisse sollen hier überblicksartig angeführt
werden, die auch im Hinblick auf die anschließend vorgestellten Fokusgruppen
interessant erscheinen, bei denen – im Unterschied zu den Interviews mit
Erwachsenen – Jugendliche zu Wort kommen und ihre Meinungen und Ansichten
kundtun.
Der Eindruck, dass die SüdtirolerInnen in parallelen Welten
leben, in denen jeweils eine Sprache vorherrscht, wurde in den Interviews
bestätigt. Dabei wurden als Gründe für einen erschwerten Kontakt u. a. das
sprachlich getrennte Schulsystem, aber auch die territoriale Verteilung,
besonders der mehrheitlich der deutschsprachigen Bevölkerung vorbehaltene
ländliche Bereich, genannt.
Die Verantwortung für den sprachlichen Austausch und das
Sprachenlernen wird einerseits bei der Schule gesehen, deren Aufgabe ein
verbesserter Sprachunterricht sei; darüber hinaus liege der Sprachkontakt in
der Verantwortung des Einzelnen und der Familien. Diese Tatsache, nämlich dass
der Kontakt dem Zufall oder der Motivation Einzelner überlassen wird, gab
teilweise Anlass zu Kritik. Daneben wurde besonders die Politik als
Hauptverantwortlicher für den Aufbau und den Erhalt unsichtbarer Mauern
genannt. Zudem scheint die Ideologie der 50er Jahre des vergangenen
Jahrhunderts, die dem Motto "Je mehr wir trennen, desto besser verstehen
wir uns"5 oder "Mischkultur
ist Mistkultur" folgt, augenscheinlich nach wie vor im kollektiven
Gedächtnis präsent zu sein, da sie in den Gesprächen immer wieder aufgetaucht
ist (Interview e). Solche Grundsätze werden von einem der Interviewpartner als
"latenter heimlicher Lehrplan des Landes" bezeichnet (Interview i).
Dass die Erlernung der Landessprachen Deutsch und
Italienisch wichtig ist, darüber herrscht kein Zweifel. Was nun die
Sprachkenntnisse an und für sich betrifft, so wird von einigen
Interviewpartnern ein allgemeines Abnehmen sowohl der L1- als auch der
L2-Kenntnisse konstatiert. Auffallend ist dabei vor allem der Eindruck
abnehmender Deutschkenntnisse bei der deutschen Sprachgruppe. Dem gegenüber
stehen beispielsweise Ergebnisse der DESI-Studie, die 2003 von der deutsche
Kultusministerkonferenz in Auftrag gegeben wurde und an der sich auch Südtirol
beteiligt hat, und deren Ziel die Untersuchung der Deutsch- und
Englischkenntnisse von SchülerInnen der 9. Schulstufe war. Die Ergebnisse
dieser Studie zeigen, dass die deutschen Südtiroler SchülerInnen mit ihren
Leistungen im Mittelfeld liegen und sich von denen aus Deutschland nicht in
extremem Maße unterscheiden. Auch die Daten zur Selbsteinschätzung aus dem
Sprachbarometer (2006a: 138–153) deuten darauf hin, dass die
Muttersprachkenntnisse als positiv eingeschätzt werden.
Daneben herrscht bei den Interviewpartnern unserer Studie
die Überzeugung vor, dass die L2-Kenntnisse der deutschen Sprachgruppe besser
seien als die der italienischen (Interviews d, i, m). Mit diesem Eindruck
stimmen unter anderem die Ergebnisse des Sprachbarometers, die auf
Selbsteinschätzung beruhen, oder der bereits weiter oben erwähnten,
mittlerweile mehr als 10 Jahre zurückliegenden Studie von Putzer und Deflorian
(1997) überein. Bei den Zweisprachigkeitsprüfungen ist es hingegen nicht
möglich, die Ergebnisse den beiden Sprachgruppen zuzuordnen; wir wissen aus dem
Sprachbarometer, dass beispielsweise im Jahr 2004 38,5% der deutsch- vs. 20,8%
der italienischsprachigen Bevölkerung im Besitz des Zweisprachigkeitsnachweises
war (ASTAT 2006a: 88).
Auf der anderen Seite wird auch von einer Trendwende
gesprochen, wonach die L2-Kenntnisse der italienischen Sprachgruppe in den
letzten Jahren zugenommen hätten (Interviews a, o). Dies wird unter anderem mit
dem von Alexander Langer (1946-1995), einem grünen Politiker, der sich
zeitlebens für das Zusammenleben der Sprachgruppen und die Autonomie in
Südtirol engagiert hat, geprägten Begriff der "Rückverdeutschung" des
Territoriums (Interview a) in Zusammenhang gebracht. Damit wird auf die
Tatsache hingewiesen, dass nach den Jahren starker Italianisierung des Gebiets
während der Zeit des Faschismus die deutsche Sprachgruppe in den vergangenen
Jahrzehnten an Macht zurückgewonnen hat. In diesem Kontext wird in Südtirol
häufig darauf hingewiesen, dass die deutsche Sprachgruppe mehr einflussreiche
berufliche Posten innehabe als die italienische.
Ein wichtiger Aspekt in den Interviews bildete auch die
Rolle des deutschen Dialekts, der vielfach als Haupthindernis bei der Erlernung
von Deutsch als Zweitsprache gesehen wurde, eine Auffassung, die alles andere
als neu ist. Der deutsche Dialekt sei in allen Domänen vorherrschend. Für die
Verwendung des Standarddeutschen vonseiten der italienischsprachigen
Bevölkerung fehle das entsprechende Umfeld (Interview d). Der
"Dialekt" im Allgemeinen scheint bei den beiden Sprachgruppen eine
unterschiedliche Relevanz zu besitzen; bei der italienischen Sprachgruppe nimmt
er eine weitaus geringere Stellung ein als bei der deutschen. Dies zeigen unter
anderem auch Ergebnisse aus dem Sprachbarometer (2006: 105–116), wonach
italienische(r) Dialekt(e) zwar zum Teil in der Familie verwendet wird/werden,
es sich aber nicht um einen lokalen Dialekt handelt, der die Zugehörigkeit zum
Territorium ausdrückt, der historisch gewachsen und charakteristisch für eine
Region ist.
In Bezug auf den deutschen Dialekt6
wird eher von einer Zunahme, einer
Dialektrenaissance, als von einer Abnahme gesprochen, besonders bei den
Jugendlichen, die ihn zunehmend auch in der schriftlichen Kommunikation (SMS,
E-Mail) verwenden.
In den Gesprächen wird der Zusammenhang zwischen Dialekt und
Identität thematisiert. Der Dialekt sei ein wichtiges Merkmal, das ein
Individuum mit einer Gruppe teile – dies treffe besonders auf die
deutsche Sprachgruppe in Südtirol zu. Der Dialekt stehe unter anderem für die
Bewahrung der eigenen Identität; er wird in diesem Sinne von einigen als Schutz
vor einer gefürchteten Misch-Masch-Kultur interpretiert. Auf der anderen Seite
wurde der Dialekt auch als Art "Geheimsprache" (Interview i)
bezeichnet, die die Funktion habe, den anderen auszuschließen.
Während der Dialekt besonders für die deutsche Sprachgruppe
als positiv besetzt beschrieben wird, drückten einige Interviewpartner die
Meinung aus, dass die italienische Sprachgruppe den deutschen Dialekt als wenig
attraktiv, als Sprache zweiter Klasse betrachte, der an die bäuerliche Welt
gebunden und nicht dazu geeignet sei, komplexere oder gar philosophische
Inhalte auszudrücken (Interview o). Auf der anderen Seite wiesen einige
Interviewpartner darauf hin, dass es vonseiten der italienischen Sprachgruppe
auch Tendenzen gebe, sich dem Dialekt anzunähern. So würden in Südtirol eigene
Dialektkurse für italienische MuttersprachlerInnen angeboten. Der Grund für die
Annäherung an den Dialekt, der besonders in der Aneignung passiver Kenntnisse
besteht, liege dabei weniger in der Schönheit des Dialekts, sondern in der
Möglichkeit, dadurch besser in die Südtiroler Gesellschaft integriert zu werden
(Interview p).
Zur durchgeführten Interviewstudie ließe sich noch vieles
hinzufügen, das Gesagte soll aber an dieser Stelle genügen, um als Nächstes auf
die Stimmen der Jugendlichen überzugehen.
2.2 Fokusgruppen
Insgesamt wurden sieben Fokusgruppen durchgeführt (im
Folgenden zitiert als F1 bis F7), jeweils drei mit SchülerInnen von Schulen mit
deutscher vs. italienischer Unterrichtssprache und eine mit SchülerInnen aus
der deutschen und der italienischen Schule. Jede Gruppe bestand aus rund neun
SchülerInnen der 4. Klasse allgemeinbildender und berufsbildender Oberschulen
(Sekundarstufe II) aus den Städten Bozen, Brixen, Meran, Bruneck und Schlanders.
Die Gruppen waren also in Bezug auf die Schulstufe und die Sprachen homogen.
Ziel war es auch hier in erster Linie, Informationen und Impulse für die
geplante Fragebogenerhebung zu sammeln; der Schwerpunkt der Auswertung wurde
auf die Ermittlung thematisch-inhaltlicher Befunde gelegt. In jeder Fokusgruppe
gab es einen Moderator sowie eine weitere Person, die für Aufnahme und Technik
zuständig war, und kaum in die Gespräche eingriff. Gearbeitet wurde mit einem
semistrukturierten, halboffenen Interviewleitfaden. Als Anfangstimuli wurden
einerseits relativ offene, andererseits auch provokative und konfrontative
Fragen und Statements verwendet. Anschließend war es wichtig, von den
SchülerInnen selbst aufgeworfene Themen weiter zu verfolgen, der freien Narration
und dem freien Gesprächsverlauf Platz zu lassen bzw. nicht zu sehr am Leitfaden
zu "kleben" und einer Art "Leitfaden-Bürokratie" zu
verfallen (cf. Reinders 2005: 239). Je nach Gesprächsverlauf griffen die
ModeratorInnen mehr oder weniger steuernd ein.
Die gewählte Erhebungsmethode, die ein
"interaktionsorientiertes Sinnverstehen" (cf. Kruse 2006: 160)
ermöglichte, erschien für die
gewählte Altersgruppe adäquat, da sie eine relativ entspannte und lockere
Gesprächsatmosphäre schafft, es den Jugendlichen erleichtert, "sich unter
Gleichaltrigen in einer gewohnten Sprachform und unter Rückgriff auf vertraute
eigene Relevanzsysteme zu äußern" (Abel/Stuflesser in Druck), und da so
"durch wechselseitige Stimulation das wesentlich Gemeinte zur Sprache"
komme (Dreher/Dreher 1995: 186) und "kollektive Orientierungsmuster"
(Bohnsack 2004: 374) sichtbar würden (cf. auch Abel/Stuflesser im Druck).
Drei Themenbereiche standen im Mittelpunkt der Diskussionen,
nämlich a) Zweitsprachgebrauch und -kenntnisse sowie der Dialekt, b) Emotionen
und Überzeugungen und schließlich c) Kontakt und Sprachgewohnheiten. Daneben
kamen auch Themen wie Südtirol als zweisprachige Realität allgemein und
Geschichte zur Sprache.
Die Meinungen und Ansichten zu den Sprachkompetenzen stimmen
im Wesentlichen mit den Befunden anderer Studien überein (siehe dazu weiter
oben). Die eigenen L2-Kompetenzen werden großteils als nicht zufrieden stellend
empfunden (z. B. F1). Eine Ausnahme bilden dabei die zweisprachig
aufgewachsenen SchülerInnen, deren Stimme allgemein in den bisherigen Studien
über die sprachliche Situation in Südtirol sehr kurz kommt bzw. überhaupt nicht
wahrgenommen wird (z. B. F4). Die als unbefriedigend empfundenen
L2-Kompetenzen werden auch hier auf die demographische Verteilung, auf das
Schulsystem im Allgemeinen, aber auch auf den Zweitsprachunterricht im
Speziellen, und schließlich auf den Dialekt zurückgeführt. Es fehlten zudem
Domänen, in denen das Hochdeutsch, das man in der Schule lerne, gesprochen
werde. Dennoch wird die Hochsprache von SchülerInnen beider Sprachgruppen als
wichtig für die allgemeine Verständigung bezeichnet. Einige deutschsprachige
SchülerInnen sehen sie als Grundlage, auf der die Dialekte aufbauen. Besonders
die italienischen MuttersprachlerInnen scheinen hinsichtlich des Deutschen eine
unüberwindbares Dilemma zu empfinden, da das Hochdeutsch, das man als L2 in der Schule lerne, zwar den
alleinigen Schlüssel zur Arbeitswelt darstelle bzw. den Eintritt ins Arbeitsleben
ermögliche, dann jedoch der Dialekt die Sprache des täglichen Lebens in
praktisch allen Domänen bilde (z. B. F1, F2, F4); andererseits scheinen
die italienischen SchülerInnen einen Dialektunterricht in der Schule dennoch
abzulehnen (F4, F5).
In Bezug auf die Verwendung der L2 werden wiederholt die
Wörter "sich schämen" und "peinlich" verwendet. Viele
SchülerInnen scheinen dabei den Eindruck zu haben, die zweite Sprache nur
ungenügend zu beherrschen; dies führe dazu, sie auch kaum zu verwenden, mit der
Folge, sie zunehmend schlechter – anstatt besser – zu beherrschen
(z. B. F1, F4). Auch in einer anderen Südtiroler Interviewstudie zum Thema
"Motivation und Sprachenlernen",7
tauchte dieser Aspekt auf und es wurde die Metapher vom
"Teufelskreis" verwendet, "in dem Misserfolg und Scham zirkulär
zusammenhingen und einander bedingten" (Abel/Stuflesser 2006: 73).
SchülerInnen italienischer Muttersprache äußerten in diesem Zusammenhang, dass
sie im deutschsprachigen Ausland weniger Unsicherheiten bei der Verwendung des
Deutschen hätten; das kann dadurch erklärt werden, dass dort die Erwartungen an
die Deutschkompetenzen des Gesprächspartners niedriger eingeschätzt werden als
in Südtirol, wo nach vielen Jahren Zweitsprachunterricht die Erwartungen
entsprechend höher liegen.
Interessant ist außerdem die Tatsache, dass von einigen
SchülerInnen die eigenen L1-Hochdeutschkompetenzen zum Teil als negativ
eingestuft wurden (z. B. F1). Das Phänomen der Asymmetrie zwischen
dominanter Variante zu "anderen" Varianten bei plurizentrischen
Sprachen, wie dies auch in Südtirol der Fall ist, und die damit zusammen
hängenden "Unsicherheiten den Normen der eigenen Sprache gegenüber, die
nicht selten zu Verleugnungshaltungen, Abwertung und Ablehnung des sprachliche
Eigenen als "Dialekt" führt", und das "Nichtwissen über die
Merkmale des eigenen Deutsch" (Muhr 1995: 81) ist auch aus anderen
Situationen bekannt und nicht neu (cf. dazu z. B. Muhr 1995: 79–84).
Zu diesen Unsicherheiten in Bezug auf die eigenen L1-Deutschkompetenzen gesellt
sich die Auffassung von italienischsprachigen SchülerInnen, dass das Deutsch in
Südtirol "kein gutes Deutsch" bzw. "kein richtiges Deutsch"
sei (z. B. F1, F4). Diese beiden Auffassungen scheinen sich gegenseitig
potenzieren, wobei – sehr vereinfachend und plakativ ausgedrückt - auf
der einen Seite eine Art von Minderwertigkeitsgefühl der deutschsprachigen
Bevölkerung im Zusammenhang mit der eigenen Sprache das (negative) Bild der
deutschen Sprache in Südtirol mitprägt, auf der anderen Seite die Beurteilung
des Deutschen vonseiten der italienischsprachigen SchülerInnen dieser
Auffassung quasi entspricht und zum Bild einer etwas minderwertigen deutschen
Sprache in Südtirol beiträgt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die allgemein
geteilte Überzeugung, dass Deutsch eine schwierige Sprache sei (z. B. F6).
Zudem klinge Italienisch melodisch, während (Hoch)Deutsch hart anmute, eine
Charakterisierung, die selbst deutschsprachige Jugendliche äußerten, die
darüber hinaus zur Beschreibung des Klanges auch Wörter wie "steif",
"abgehackt" und "Maschinengewehr" benutzten. Einige der
deutschsprachigen SchülerInnen trennten ganz klar zwischen Hochdeutsch und
Dialekt, wobei letzterer zum Teil als schöner empfunden wurde. Der Dialekt
wurde als "gefühlsbetont" und "flüssiger" beschrieben,
"des isch so oans, des geaht so durch" ['das ist so eines, das geht
so durch'] (F1). Hochdeutsch wurde einige Male in Verbindung gebracht mit
"Schule", "Noten", "Stillsitzen" und
"Strammstehen" und als ein Signal für "achtung, iatz kimp eppos
formals" ['Achtung, jetzt kommt etwas Formales'] (F1)
gewertet. Solche Aussagen legen eine Interpretation nahe, wonach der Dialekt
– im Gegensatz zum Hochdeutschen – die Sprache des Privaten sei.
Dies wiederum führt zur Schlussfolgerung, dass die italienischen
MuttersprachlerInnen (ohne Dialektkenntnisse) von der "deutschen"
privaten Welt ausgeschlossen sind.
Neben dem etwas "schwierigen" Verhältnis zum
Hochdeutschen drückten einige SchülerInnen hingegen aus, dass die Beherrschung
und Verwendung des Hochdeutschen absolut normal und unproblematisch sei. Bei
einigen SchülerInnen war das Bewusstsein zu bemerken, dass das Hochdeutsche in
bestimmten Situationen und für bestimmte Textsorten – genannt wurde hier
als Beispiel etwa "einen Vortrag in Geschichte halten" oder
"Nachrichten sprechen" – angemessen, der Dialekt hingegen
unangebracht sei. Im Hochdeutschen einen "Südtiroler Akzent" zu
haben, wird dabei von einigen SchülerInnen als "natürlich"
beschrieben; "das sind einfach wir" (F 1). Dazu gesellt sich das
Gefühl, dass der Dialekt als die "eigene Sprache" empfunden wird, das
Hochdeutsch hingegen für einige "fast wie eine Fremdsprache" sei.
Einige SchülerInnen äußerten sich zufrieden darüber, dass sie während der
Gruppendiskussionen den Dialekt verwenden durften, da man sich, wie sie es
beschrieben, "in der eigenen Sprache" eben besser ausdrücken könne.
Der Dialekt wird auf der einen Seite als Persönlichkeitsmerkmal, als
Identitätsmerkmal, als integrativer Bestandteil der eigenen Persönlichkeit
gesehen (z. B. F1). Zudem ist er ein Symbol für die Zugehörigkeit zu einer
ganzen Gruppe. Die Angst vonseiten der deutschsprachigen Jugendlichen vor
"Vermischung", die einige Male genannt wurde, kann in diesem Sinne
als Angst vor dem Verlust der Identität und der Identifikation bzw.
Verwurzelung und dem Beheimatetsein in der eigenen Gruppe aufgefasst werden.
Dem steht auf der anderen Seite ein Gefühl des Ausgeschlossenseins bzw. der
"Heimatlosigkeit" bei der italienischen Sprachgruppe gegenüber.
Bezeichnungen wie "Südtiroler" für die deutschsprachigen vs.
"Italiener" für die italienischsprachigen BewohnerInnen des Landes
können auch als Indiz für den Ausschluss der italienischen Sprachgruppe
gedeutet werden.
Aufschlussreiche Ein- und Ansichten ergaben sich in diesem
Zusammenhang aus der Frage, ob die SchülerInnen ihre eigenen Kinder in den
jeweils anderssprachigen Kindergarten oder die anderssprachige Schule schicken
würden. Hier betonten einige SchülerInnen (besonders die zweisprachig
aufgewachsenen) die Vorteile, wenn Kinder entweder in einem zweisprachigen Elternhaus
aufwüchsen oder eine anderssprachige Schule besuchten, da dies eine Möglichkeit
sei, beide Sprachen mühelos zu lernen. Auf der anderen Seite gab es auch viele
Einwände; so gab es zum Beispiel Vorbehalte, die eigenen Kinder in einen
anderssprachigen Kindergarten zu schicken, "weil es wird net lai die
sproch eh in die kinder beigebrocht, sondern es werden ah ondere werte
irgendwie (.) italieno und daitsche sein oanfoch net gleich; do sein oanfoch
untoschiede im denkn, und ih find (.), ih persönlich tat des net tian"
['denn es wird nicht nur die Sprache äh den Kindern beigebracht, sondern es
werden auch andere Werte irgendwie (.) Italiener und Deutsche sind einfach
nicht gleich; da sind einfach Unterschiede im Denken, und ich finde (.), ich
persönlich würde das nicht tun'] (F1). Auffallend ist, dass einige SchülerInnen
allerdings, was sich bei genauerem Nachfragen herausstellte, nur eine recht
vage und diffuse oder überhaupt keine Vorstellung davon hatten, worum es sich
bei den angesprochenen Werten, Bräuchen
oder Denkweisen handle und worin sie sich konkret unterschieden (F1, F6). Es
scheint die (vage) Meinung zu bestehen, dass das Aufwachsen in und mit einer
einzigen Sprache und Kultur Halt und Orientierung gebe. So erwiderte eine
Schülerin beispielsweise dem Vorschlag einer anderen, zweisprachig
Aufgewachsenen, dass es doch das Beste wäre, wenn ein Kind die Bräuche beider
Kulturen lerne, "donn woass des kind donn net, wos hinkeahrt donn im
prinzip" ['dann weiß das Kind dann nicht, wo es hingehört dann im
Prinzip'] (F1). Ähnliche Diskussionen und z. T. verbale Schlachten werden
auch vielfach in den Medien ausgetragen. Es sei hier – stellvertretend für viele andere – an einen
Vorfall im Jahr 1998 erinnert, bei dem die Kinder an einem deutschen Kindergarten
bei einem Martinsumzug ein Lied mit einer Strophe auf Italienisch gesungen
haben, was zu einer Flut von Zeitungsartikeln und Leserbriefen geführt hat,
nicht zuletzt vom damaligen deutschen Kulturlandesrat, der darin eine
schleichende Unterwanderung der Bestimmungen des Artikel 19 des
Autonomiestatuts und eine mögliche Gefährdung der Entwicklung einer eigenen
Identität der deutschsprachigen Kinder sah (cf. den Beitrag der Wochenzeitung
"FF" Nr. 7 vom 14.02.1998: 66f.).
Abschließend sollen noch einige Bemerkungen zum
Sprachkontakt und den Sprachgewohnheiten gemacht werden: Die
Intergruppenkommunikation findet in Südtirol vorwiegend auf Italienisch statt;
dies zeigen nicht nur die Auswertungen der Fokusgruppen, sondern auch andere
Untersuchungen. Laut Sprachbarometer (ASTAT 2006a: 131) verwendet 29,1% der
deutschen Sprachgruppe in der Intergruppenkommunikation die eigene
Muttersprache, 28,7% die Sprache der des Gesprächspartners (die Tendenz, die
andere Sprache zu verwenden, nimmt mit höherer Schulbildung und jüngerem Alter
zu); bei 41,0% hängt die Wahl der Sprache von der jeweiligen Situation ab, der
Rest weiß dazu keine Antwort. Bei der italienischen Sprachgruppe hingegen
verwendet 65,4% die eigene Muttersprache, 5,4% die Sprache der anderen Person,
25,3% gibt an, dass dies auf die jeweilige Situation ankomme, und 4,0% weiß es
nicht.
Für den vorwiegend auf Italienisch verlaufenden Kontakt
werden in den Fokusgruppen verschiedene Begründungsansätze genannt: Einmal ist
man der Meinung, dass die "Deutschen" besser Italienisch könnten als
umgekehrt; daher erfolge die Kommunikation zwischen den Gruppen auf Italienisch
(z. B. F 6). Außerdem wurde von italienischsprachigen SchülerInnen die
Ansicht geäußert, die deutschsprachigen SüdtirolerInnen schämten sich ein
"tedesco pulito" ('sauberes Deutsch') zu sprechen und würden das
Italienische dem Hochdeutschen vorziehen (F4); deutschsprachige SchülerInnen
bestätigten, dass sie lieber Italienisch als Hochdeutsch sprächen (F6). Die
Wahl des Italienischen wird von den deutschen MuttersprachlerInnen auch als
Zuvorkommenheit aufgefasst, "weil man ihnen a entgegnkemmen will"
['weil man ihnen auch entgegenkommen will'] (F1). Zudem fällt auf, dass die Art
des Verhaltens in der Intergruppenkommunikation als Gegebenheit, die nicht infrage
zu stellen ist, als quasi
"gottgegebenes Naturgesetz", als normal wahrgenommen wird, "weil
des seit johre oanfoch so isch, und dass des gor nimmer aufollt" ['weil
das seit Jahren einfach so ist und gar nicht mehr auffällt'] bzw. "weils
eigntlich olm schon so wor" ['weil das eigentlich immer schon so war']
(F1). Die Ergebnisse des Sprachbarometers (ASTAT 2006a: 132–135) decken
sich großteils mit den Äußerungen der Jugendlichen: Hier werden als Grund für
die Wahl der eigenen Sprache Unsicherheit in der Verwendung der anderen
Sprache, mangelnde Sprachkenntnisse und Gewohnheit genannt, außerdem der Wert,
die eigene Sprache zu verwenden sowie die Auffassung, die anderen sollten sich
anpassen. Gründe für die Wahl der jeweils anderen Sprache sind zum Beispiel
Höflichkeit, Gewohnheit oder die Auffassung, die andere Sprache besser zu
können als umgekehrt.
3 Schlussbemerkung und Ausblick
Im Rahmen der Interviewstudie und der Fokusgruppen wurde
– neben anderen Aspekten – die Wahrnehmung der Sprachkompetenzen der
SüdtirolerInnen angesprochen. Dabei ging es einerseits um die Einschätzung der
eigenen Sprachkompetenzen, andererseits um die der Anderen, wobei allgemein ein
recht negatives Bild entsteht. In einem weiteren Schritt gilt es nun, in
größerem Rahmen zu untersuchen, wie zum einen die aktuellen Sprachkenntnisse,
besonders die L2-Kenntnisse, in
Südtirol eingeschätzt werden und zum anderen, welche Zielvorstellungen
bezüglich des Sprachkompetenzniveaus vorherrschen. Diese Ergebnisse wiederum
sind im Vergleich mit den effektiven Sprachkenntnissen zu analysieren. Dabei wird es zudem interessant sein
herauszufinden, ob und in welcher Weise die Ziele und Erwartungen der
Institution Schule mit den effektiven Zweitsprachkompetenzen der SchülerInnen
übereinstimmen.
Im Zusammenhang mit der Erlernung der beiden Landessprachen
Deutsch und Italienisch spielen Status und Prestige der Sprachen und Varietäten
(dominante vs. "andere" Standardvarietäten einerseits, Dialekt
andererseits) eine wichtige Rolle. Einen entscheidenden Einfluss scheint hier
das Ungleichgewicht bezüglich des Stellenwerts des deutschen Dialekts bei den
beiden Sprachgruppen zu spielen, der bei vielen deutschsprachigen
SüdtirolerInnen als integrativer Bestandteil der Persönlichkeit und Teil der
Identität aufgefasst wird, dem die italienischsprachigen SüdtirolerInnen
hingegen teilweise ablehnend gegenüberstehen.
Zudem ist es wichtig zu untersuchen, welchen Einfluss
Einstellungen gegenüber der jeweils anderen Sprache und deren SprecherInnen und
das Selbstvertrauen hinsichtlich der eigenen Sprachkenntnisse auf das
Sprachenlernen haben.
Des Weiteren sind die Häufigkeit und Art des Kontakts
zwischen den Gruppen näher zu beleuchten. Die Äußerungen der SchülerInnen legen
nahe, dass die aktuellen Spielregeln des Zusammenlebens und des Sprachgebrauchs
als gegebene und unantastbare Tradition empfunden werden, die nicht weiter
reflektiert werden.
Vieles spricht dafür, dass der Kontakt mit der zweiten
Sprache und deren SprecherInnen großteils auf den schulischen Kontext und
wenige weitere Situationen beschränkt ist, und dass nicht nur die
Nachbarsprache, sondern auch der Nachbar selbst häufig fremd ist und bleibt.
Diese und andere (erste) Ergebnisse deuten darauf hin, dass
es für das Erlernen der Zweitsprache wichtig ist, daraus mehr als ein Schulfach
zu machen und den Jugendlichen zu vermitteln, dass die Nachbarsprache
Gebrauchswert im Alltag besitzt (cf. auch Abel/Stuflesser im Druck).
Anmerkungen
1 Die besondere
Situation der ladinisch-sprachigen Bevölkerung bildet keinen Schwerpunkt im
Rahmen der vorgestellten Studie und wird daher in diesem Beitrag auch nicht
weiter vertieft. zurück
2 Die
Zweisprachigkeitsprüfung dient zum Nachweis der Deutsch- und
Italienischkenntnisse (Prüfungen mit 4 Schwierigkeitsgraden, die nach dem Gemeinsamen
Europäischen Referenzrahmen von A1-B2 reichen). Sie bildet die durch das
Autonomiestatut festgelegte Voraussetzung dafür, eine
Stelle in der öffentlichen Verwaltung in der autonomen Provinz Bozen-Südtirol
antreten zu können. zurück
3 Über viele
Aspekte der sprachlichen Situation in Südtirol wurde bereits geforscht und
geschrieben. An dieser Stelle mögen einige Hinweise auf weitere Arbeiten und
Untersuchungen des vergangenen Jahrzehnts, die im Zuge der Vorbereitungen und
Durchführung des vorgestellten Projekts berücksichtigt wurden und werden,
genügen, wie z. B. ASTAT (2006a) und (2006b), Baur (2000), CENSIS (1997),
Egger (2001), Lanthaler (1990) und (2006), Egger/Lanthaler (2001), Riehl (2001 und (1998).
zurück
4 Die
Interviews wurden von Doris Forer durchgeführt und ausgewertet. Die
dargestellten Ergebnisse beruhen im Wesentlichen auf diesen ersten, bislang
unveröffentlichten, Auswertungen. zurück
5 So die
Aussage des damaligen langjährigen Südtiroler Landesrats Dr. Anton Zelger.
zurück
6 "Dialekt"
wird hier stellvertretend für alle von der Standardsprache abweichenden
Varietäten des Deutschen verwendet. zurück
7 Die Studie
wird durchgeführt im Rahmen des Projekts "Language Bridges",
www.eurac.edu/Org/LanguageLaw/Multilingualism/Projects/LABS_general_de.htm.
zurück
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zum Zusammenspiel von Überzeugungen, Erfahrungen und Sprachenlernen:
Methodenfragen und Ergebnisauswertung.
Erscheint in der Reihe Sprachenlernen Konkret! Hohengehren.
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