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Varietäten und Sprachkontakt in rätoromanischen SMS*Matthias Grünert (Zürich)1 Das erste SMS-Korpus zum Rätoromanischen GraubündensIm Rahmen des Projektes sms4science ist das erste Korpus von SMS, die im Rätoromanischen Graubündens1 verfasst sind, zustande gekommen. Dieses Korpus erlaubt erstmals grundsätzliche Beobachtungen zur SMS-Kommunikation in der vierten Landessprache der Schweiz, die bisher nie Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zur computervermittelten Kommunikation war, auch wenn – insbesondere zur Kommunikation im Internet – reichlich interessante Daten vorhanden wären.2 Mit seinen bisher identifizierten 214 in Rätoromanisch verfassten SMS verdient das umfangmässig bescheidene Subkorpus als erste derartige Sammlung besondere Aufmerksamkeit. Was den Umfang des Subkorpus betrifft, ist bemerkenswert, dass der Anteil rätoromanischer SMS am gesamten Schweizer SMS-Korpus dem Anteil der Rätoromanisch Sprechenden an der Schweizer Wohnbevölkerung zumindest annähernd zu entsprechen scheint: 214 von 23'987 SMS, also 0,89%, wurden als rätoromanisch identifiziert; anlässlich der letzten Volkszählung im Jahre 2000 gaben 0,83% (d.h. 60'561 von den 7'288'010 Personen, die damals die Fragen zu den Sprachen beantworteten) das Rätoromanische als Hauptsprache und/oder als Umgangssprache an (Furer 2005: 30).3 Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass im Laufe der Bearbeitung des Schweizer SMS-Korpus weitere rätoromanische SMS gefunden werden. Die automatische Spracherkennung hat nämlich in einem ersten Schritt nur 113 SMS zu Tage gefördert. Aufgrund der Identifikationsnummern der Verfasserinnen und Verfasser dieser 113 SMS, aufgrund der Angabe des Rätoromanischen als Muttersprache oder als einer im Alltag gesprochenen Sprache (im Fragebogen) sowie mit der Suche häufiger rätoromanischer Wörter im Textkorpus konnten bisher weitere 101 rätoromanische SMS und acht (schweizer)deutsche SMS mit Code-Switching ins Rätoromanische identifiziert werden. In unserem Beitrag geben wir zunächst einen Überblick über die sprachzugehörigkeitsbezogene und soziodemographische Zusammensetzung der Gruppe der rätoromanisch Schreibenden und/oder Sprechenden und skizzieren dann einige markante Merkmale des Gebrauchs von – auf verschiedenen Achsen zu situierenden – rätoromanischen Varietäten, wobei den Sprachkontaktphänomenen besondere Aufmerksamkeit zukommen soll. Abschliessend weisen wir auf Perspektiven zur künftigen Forschung hin. 2 Sprachzugehörigkeit und soziodemographische DatenDie insgesamt 214 rätoromanischen SMS wurden von 30 Personen verfasst, von denen 24 den Fragebogen ausgefüllt haben (cf. Tabelle 1 auf der nächsten Seite). 23 dieser 24 Personen haben das Rätoromanische als Muttersprache angegeben (17 ausschliesslich und 6 neben einer anderen Sprache), eine rätoromanisch schreibende Person hat dagegen in der Rubrik zur Muttersprache nur das Schweizerdeutsche genannt.
Will man alle Personen erfassen, die einen wie auch immer gestalteten Bezug zum Rätoromanischen aufweisen, ist die bisher besprochene Gruppe um zwölf Personen zu erweitern (cf. Tabelle 2). Die ergänzte Gruppe setzt sich folgendermassen zusammen:
Möglicherweise verfügt keine dieser zwölf Personen über eine Kompetenz des Rätoromanischen, die eine unbefangene Verwendung dieser Sprache in der SMS-Kommunikation erlauben würde. Zu berücksichtigen ist auch, dass von den zehn Personen dieser Gruppe, deren Wohnort bekannt ist, zwei in Deutschbünden (Filisur5 und Mastrils) und acht ausserhalb Graubündens leben. Von diesem Gesamtprofil hebt sich dasjenige der Gruppe der Verfasserinnen und Verfasser rätoromanischer SMS deutlich ab: Von den 24 Personen mit Angaben zum Wohnort lebt die Hälfte im rätoromanischsprachigen Gebiet, ein Drittel (acht Personen) in Chur und Umgebung (eingeschlossen sind dabei die Nennungen von Felsberg und Haldenstein), während nur ein Sechstel (vier Personen) den Wohnsitz ausserhalb Graubündens hat. Bei den in Chur und Umgebung ansässigen Personen wird es sich zumindest teilweise um Mitarbeitende von kulturellen und Verwaltungsinstitutionen handeln, die auch in ihrem Beruf rätoromanisch schreiben. Aufgrund der genannten Verhältnisse ist davon auszugehen, dass die 30 Verfasserinnen und Verfasser rätoromanischer SMS ein Kontaktnetz haben, in dem sie das Rätoromanische eher einsetzen können als die zwölf Personen mit einem schwachen Bezug zum Rätoromanischen. Bemerkenswert ist, dass die erwähnten zwölf Personen, die weitgehend (schweizer)deutsche SMS verschicken, zusammengenommen produktiver sind als die 30 rätoromanisch schreibenden Teilnehmenden: Während die zwölf Personen mit einem schwachen Bezug zum Rätoromanischen insgesamt 338 SMS verfasst haben, stammen von den 30 Benutzerinnen und Benutzern des Rätoromanischen nur 297 SMS, wobei die auf Rätoromanisch verfassten SMS 72% aller von dieser Gruppe eingesandten SMS ausmachen. Die aktivste Person in der rätoromanisch schreibenden Gruppe hat interessanterweise viel mehr schweizerdeutsche als rätoromanische SMS geliefert (44 von 53). Die am zweithäufigsten Schreibende kommt auf die stattliche Anzahl von 34 – durchweg auf Rätoromanisch verfassten – SMS und steht damit nur hinter zwei Personen der anderen Gruppe zurück, die 139 bzw. 87 – grösstenteils auf Schweizerdeutsch verfasste – SMS zur Verfügung gestellt haben. Auch wenn die beiden Teilgruppen zu klein sind, um weitergehende Schlüsse zu erlauben, weisen die genannten numerischen Verhältnisse darauf hin, dass sich der eingeschränkte Kommunikationsradius der Kleinsprache Rätoromanisch auch in diesem Bereich des Alltags bemerkbar macht. Was die Angaben zu den Umgangssprachen betrifft, ist auf Folgendes hinzuweisen: Die beiden anschliessend an die Frage nach der Muttersprache gestellten Fragen zu weiteren Sprachen im privaten und öffentlichen Bereich wurden nicht von allen Teilnehmenden korrekt beantwortet. Verschiedene Personen, die das Rätoromanische als Muttersprache angaben, haben es auch als "weitere Sprache" in den Rubriken zu den Umgangssprachen aufgeführt, so dass die entsprechenden Spalten der Tabellen 1 und 2 kein aussagekräftiges Bild vermitteln. Einige Teilnehmende sind davon ausgegangen, dass sich die Verwendung der Muttersprache von selbst versteht, während andere ausdrücklich darauf hinweisen wollten, dass sie ihre Muttersprache in den beiden Bereichen bzw. nur in einem von diesen verwenden. Aus den Angaben zu den Sprachen im privaten und öffentlichen Bereich sowie zu den in verschiedenen Sprachen verfassten SMS in Tabelle 1 geht das Bild eines von Zwei- und Mehrsprachigkeit geprägten Alltags hervor. Der in der Gruppe der rätoromanisch Schreibenden erhobene Anteil rätoromanischer SMS (214 von 297, d.h. 72%) mag vor diesem Hintergrund als relativ hoch erscheinen. Bemerkenswert ist zudem, dass von den 30 Teilnehmenden nur elf auch SMS in anderen Sprachen eingesandt haben. Es ist also möglich, dass gewisse Personen bestrebt waren, besonders zur Vertretung des Rätoromanischen beizutragen, und deshalb vorwiegend oder ausschliesslich rätoromanische SMS zukommen liessen. Die soziodemographischen Daten zu den rätoromanisch Schreibenden (cf. Tabelle 3) weisen darauf hin, dass die jüngeren Jahrgänge gut vertreten sind. Das gilt mehr noch für Personen mit einer höheren Bildung und mit einer Tätigkeit im Dienstleistungssektor sowie für weibliche Teilnehmende:
Angesichts dieser Verhältnisse kann das rätoromanische Subkorpus offensichtlich nicht als repräsentativ für die Gruppe der rätoromanisch schreibenden Mobiltelefon-Benutzerinnen und -Benutzer angesehen werden.
3 Die rätoromanischen (Haupt-)VarietätenDas erste Raster für eine Differenzierung innerhalb des Variationsspektrums des Rätoromanischen liefert die Zuordnung zu den jeweiligen Schriftvarietäten. Der folgende Überblick über die Präsenz dieser Hauptvarietäten – teils, bei problematischen Zuordnungen, auch untergeordneter Varietäten – konfrontiert uns ein Stück weit mit der Architektur des Rätoromanischen in Bezug auf dessen räumliche und mediale (gesprochene vs. geschriebene) Variation:
4 Sprechsprachliche (nicht sprachkontaktbedingte) Merkmale in den SMSVerschiedene Abweichungen von der jeweiligen durch die Schule vermittelten regionalen Schriftnorm ergeben sich dadurch, dass sich die Schreibenden an der sprechsprachlichen Norm orientieren und dazu neigen, im Geschriebenen Züge der Mündlichkeit wiederzugeben (Koch/Oesterreicher 2001: 585). Gewisse Erscheinungen betreffen die ganze Region einer Varietät. So wird im Vallader in bestimmten Positionen anstelle der stimmhaften alveolo-palatalen Affrikate [ʤ]12 der palatale Halbvokal [j] artikuliert. Von den drei Positionen, in denen die Affrikate [ʤ] gemäss der v.a. beim lauten Lesen realisierten Schulnorm des Valladers auftritt – im Anlaut vor Vokal (giuven ['ʤuvən] 'jung'), im Inlaut intervokalisch (magöl [mɐ'ʤøl] 'Trinkglas') und im Inlaut postkonsonantisch (fingià [fin'ʤa] 'schon') – ist in der Sprechsprache nur Letztere erhalten. Im Anlaut vor Vokal und im Inlaut in intervokalischer Position wird dagegen [j] gesprochen (giuven ['juvən], magöl [mɐ'jøl]). In einer sich an der Phonetik der Sprechsprache orientierenden Graphie wird nun statt ‹g› oder ‹gi› ‹j› geschrieben, wenn die Aussprache [j] ist:
Der Verfasser dieser SMS ist nicht konsequent, schreibt er doch für das Lokaladverb ('unten, hinunter, herunter') im ersten Fall gemäss der Schriftnorm des Valladers giò, im zweiten Fall dagegen gemäss der sprechsprachlichen phonetischen Realisierung jo, wobei er zusätzlich eine Agglutination der Präposition in 'in' vornimmt (jon, "unten in"). Damit setzt er sich in einer weiteren Hinsicht über die Schulnorm hinweg, nach der giò'n zu schreiben wäre. Ein weiteres Beispiel bietet das umgangssprachliche Puter, das die Differenzierung zwischen cu 'wie' (Frageadverb)/'als' (Vergleichskonjunktion) einerseits und scu 'wie' (Vergleichskonjunktion)/'als' (Appositionsmarker) andererseits aufgegeben hat (cf. Ganzoni 1977: 47f.). Scu übernimmt hier, zusätzlich zu den ihm ursprünglich eigenen Funktionen, die Funktionen von cu. In unserem Korpus ist nur die Verwendung von scu als Frageadverb dokumentiert:
Die Aufgabe der Differenzierung zwischen der Partikel mit c- und derjenigen mit sc- (je nach Varietät cu/scu oder co/sco) ist eine gemeinbündnerromanische Erscheinung, allerdings ist sie in den verschiedenen Varietäten unterschiedlich weit fortgeschritten.16 Während das Surmeirische nur noch scu kennt, ist die im Vallader und im Surselvischen auftretende Generalisierung von sco deutlich als sprechsprachlich markiert. In einer Zwischenposition zwischen diesen Extrempunkten situiert sich das Puter. In der gesprochenen Sprache ist hier generalisiertes scu unmarkiert, während es geschrieben weiterhin als ungrammatisch gilt.17 Zu berücksichtigen ist bei dieser kontrastiven Analyse, dass die Partikel co/cu nur im Engadinischen (Vallader und Puter) auch als Konjunktion des Vergleichs dient, während sie in den übrigen Varietäten nur Frageadverb ist. Die Generalisierung im Surselvischen und Surmeirischen betrifft also lediglich die zusätzliche Verwendung von sco/scu als Frageadverb, während sie im Vallader und Puter auch die Verwendung in Vergleichskonstruktionen mit dem Komparativ einschliesst (plü grond sco/pü grand scu statt plü grond co/pü grand cu, "grösser als"). Dieser Fall macht deutlich, wie wichtig es ist, bei der Beurteilung der sprachlichen Fakten die Besonderheiten der regionalen Normen zu berücksichtigen. Markiert sprechsprachlich ist die im Surselvischen verbreitete Bezeichnung von Mitteln und Instrumenten (im weitesten Sinne 'Dinge, die einem Zweck dienen') mit Hilfe der Struktur "Demonstrativum + Präpositionalsyntagma", wobei dem Demonstrativum die Rolle des Determinatums zukommt und dem Präpositionalsyntagma diejenige des Determinans. Dies wird im folgenden Beispiel durch queiDemonstr. [da far la duscha]Präp.Synt. 'das zum Duschen', d.h. 'Duschmittel, Duschzeug' veranschaulicht, wo das Demonstrativum (quei 'das') eine unspezifische Referenz leistet, während das Präpositionalsyntagma präzisiert, für welche Tätigkeit (far la duscha 'duschen') die bezeichnete Sache bestimmt ist (Präp. da 'zu' zur Angabe des Zwecks):
Was wie eine okkasionelle Umschreibung aussehen mag, ist tatsächlich ein in der Umgangssprache kodifiziertes Bezeichnungsmuster, das eine leichte Übertragung deutscher Bezeichnungen ins Rätoromanische ermöglicht. Eine Lehnübersetzung liegt allerdings nicht vor, verzichtet doch hier das gesprochene Surselvische auf eine Präzisierung des Determinatums, wie wir sie im Deutschen und bei den für das geschriebene Rätoromanische empfohlenen Lösungen vorfinden (cf. die beiden folgenden Tabellen). Da die Periphrase mit dem Demonstrativum bisher in der Literatur nicht beschrieben worden ist, gehen wir aufgrund von Beispielen, die wir bei Sprecherinnen und Sprechern gesammelt haben, ausführlicher auf sie ein. Bemerkenswert ist die Differenzierung in dieser Periphrase zwischen dem in Beispiel (3) veranschaulichten generischen quei 'das'18 und dem individualisierenden quel 'der'. Generisches quei wird bei Stoff- und Kollektivbezeichnungen verwendet:
Das maskuline Demonstrativum quel wird dagegen bei Individualbezeichnungen gesetzt. Dabei handelt es sich vor allem um Bezeichnungen einzelner solider Instrumente:
Individualbezeichnungen können allerdings auch in Bezug auf unzählbare Referenten (Stoffe) vorgenommen werden, dann nämlich, wenn eine Selektion zwischen einer Mehrzahl solcher Referenten stattfindet. So heisst zwar das Abwaschmittel generell quei da lavar giu. Wenn jedoch das Abwaschmittel aus einer Klasse von Mitteln ausgesondert wird – um eine konkrete Alltagssituation zu nennen: wenn man z.B. um das Abwaschmittel und nicht um den daneben stehenden Behälter mit der Flüssigseife für die Hände bittet – sagt man quel da lavar giu und unterscheidet dieses somit von quel da lavar ils mauns. Im Engadinischen wird neben dem hier veranschaulichten Bezeichnungsmuster mit dem Demonstrativum (nur mit individualisierendem quel: quel da/per20 far giò la pletscha '[Spar-] Schäler', quel da/per chargiar il telefonin 'Ladegerät für das Mobiltelefon') häufiger die Formel "Nomen (Determinatum) + Präpositionalsyntagma (Determinans)" verwendet, wobei das Nomen oft eine sehr weit gefasste Klassenbezeichnung ist, wie roba 'Sache' oder s-cherp, guaffen 'Ding, Gerät' (roba da/per far la duscha 'Duschmittel', s-cherp da/per chargiar las battarias 'Batterieladegerät'). Einen Beleg für eine Bezeichnung im Engadinischen liefert das obige Beispiel (1), wo, wie in den Fügungen in der mittleren Spalte der Tabellen 5 und 6, eine stärker einschränkende Klassenbezeichnung verwendet wird: staziun da chargiar la camera 'Ladegerät für die Kamera'. Dieser weniger sprechsprachlich charakterisierte Ausdruck ist in unserem SMS-Korpus eher erstaunlich. Die Periphrasen zur Bezeichnung von Mitteln und Instrumenten in den beiden grösseren Regionen Romanischbündens unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer Komponenten, sondern auch hinsichtlich ihres Status: Während die surselvischen Periphrasen mit quei da… und quel da… in der sprechsprachlichen Norm als Bezeichnungen für die genannten Denotate verankert sind, gelten die weniger gefestigten engadinischen Periphrasen eher als Ersatzlösungen für zutreffendere Bezeichnungen (z.B. von Verben abgeleitete nomina agentis wie spletschader für '[Spar-]Schäler' oder chargiader für 'Ladegerät'). Neben sprechsprachlichen Erscheinungen, die regionale Varietäten betreffen, sind auch lokal oder mikroregional eingegrenzte mundartliche Phänomene bezeugt. Unter den SMS, die aus dem Gebiet stammen, in dem traditionell die surselvische Schriftsprache verwendet wird, finden sich folgende Belege für Mundarten: eine SMS, die weitgehend im Dialekt von Domat/Ems verfasst ist (4), eine SMS, die weitgehend im Dialekt des Tavetschs (Val Tujetsch) verfasst ist (5), sechs SMS, die mit Elementen des Tavetscher Dialekts durchsetzt sind (daraus Beispiel 6), und eine SMS, in der lediglich ein Wort eine für den Dialekt von Brigels/Breil charakteristische Lautung aufweist (7). Unter den SMS aus dem Einzugsgebiet des Valladers enthält ein Text eine lautliche und eine morphosyntaktische Besonderheit des Jauers, des Dialekts des Münstertals (8).
In den zitierten SMS lassen sich folgende dialektal begründete Abweichungen vom geschriebenen Surselvischen beobachten:
5 Sprachkontaktbedingte ErscheinungenIn den SMS finden sich zahlreiche Lehnwörter aus dem (Schweizer-)Deutschen, die für das gesprochene Rätoromanische charakteristisch sind, während die von der Schule vermittelte Schriftnorm deren Gebrauch untersagt bzw. puristische Ersatzwörter oder Ersatzausdrücke vorschreibt. Diese Germanismen bilden, neben den im vorhergehenden Kapitel veranschaulichten Zügen der Mündlichkeit, eine weitere Komponente, die zur sprechsprachlichen Gestaltung der rätoromanischen SMS-Kommunikation beiträgt:
Verbreitet sind auch Lehnübersetzungen (vgl. 12-14, aber auch das obige Beispiel 10, wo hoz saira deutschem heute Abend folgt, während die rätoromanische Norm quista saira, mit dem Demonstrativum quista anstelle des Zeitadverbs hoz, vorsehen würde) sowie Lehnbedeutungen (14/15).
Die von Sprecherinnen und Sprechern jüngeren und mittleren Alters
verwendete Lehnübersetzung co hast? [ko aʃ] ("wie geht's dir"), nach schweizerdeutschem
wie hesch es? (wörtl. wie hast du es?), wird von älteren Personen bisweilen
mit der Gegenfrage co? asch? co? dutsch? [ko aʃ ko duʧ] ("wie? bitter? wie?
süss?")
oder mit der Antwort asch e dutsch [aʃ e duʧ] ("bitter und süss") quittiert.
Mit einem Homonymiespiel, in dem [aʃ] 'bitter' intendiertem [aʃ] 'hast (du)'
gegenübergestellt wird, gibt man hier vor, die sich an das Schweizerdeutsche
anlehnende Frage nach dem Befinden nicht zu verstehen. Darauf hinzuweisen
ist, dass sich rätoromanisches co hast? gegenüber dem schweizerdeutschen
Vorbild wie hesch es? durch das Fehlen des Objektpronomens auszeichnet. In
dem in Beispiel (12) veranschaulichten Vallader ist diese Leerstelle zwingend,
da für die 3.
Person kein neutrales Objektklitikon verfügbar ist (i 'es' hat ausschliesslich
Subjektfunktion). Als neutrales Objekt kann in dieser Varietät nur das Demonstrativum
quai 'das' gesetzt werden, das eine konkretere Referenz impliziert und daher
nicht adäquat wäre. Im Surselvischen tritt zwar ei 'es' bisweilen als Objektpronomen
auf, häufig wird aber das neutrale Objekt mit generischer Referenz nicht
mit einem Pronomen bezeichnet (cf. Spescha 1989: 336). So lautet die Lehnübersetzung
auch im Surselvischen co has? bzw. in Beispiel (13) in indirekter Form co
ti hagies ("wie es dir gehe"), ohne Objektpronomen. Was die Ellipse des Subjektpronomens
der 2. Person bei Enklise betrifft (in der direkten Frage co
hast?/co has?),
so ist diese im Rätoromanischen, wie im Schweizerdeutschen, sehr verbreitet
(cf. dazu unten in Kap. 6).
Neben dem in der Umgangssprache integrierten Lehngut (cf. die bisher erläuterten Fälle, aber auch im folgenden Beispiel [16] benna, aus schwdt. Benne 'Karren', übertragen für 'Modem') sei Wortgut aus dem Deutschen erwähnt, dessen Gebrauch zwar plausibel ist, das aber trotzdem nicht als integriertes Lehngut gelten kann (festnetz in Beispiel 16, kraftraum in Beispiel 17). Es handelt sich dabei um Bezeichnungen, zu denen Rätoromanisch Sprechende nicht ohne Weiteres Äquivalente in ihrer Sprache bereit haben, so dass sich der Wechsel zum Deutschen ein Stück weit aufdrängt.26 Unumgänglich ist im Kontext in Beispiel (16) der Internationalismus skype, von dem allerdings eine deutsche Ableitung, skypen, in die rätoromanische Periphrase "far 'machen' + mask. Artikel il + dt. Infinitiv"27 aufgenommen ist. Diese Struktur, die ein fester Bestandteil der Umgangssprache ist, dient der Überbrückung lexikalischer Lücken bei der Bezeichnung von Handlungen.
Weiter finden wir ein schweizerdeutsches Zitat – den mit der Läuferin Anita Weyermann assoziierten Satz "Gring abe u seckle!" ("Kopf tief und rennen!") (18) – sowie Code-Switching ins Schweizerdeutsche in der Korrespondenz einer Teilnehmerin mit ihrem Freund, der erst Rätoromanisch lernt (19-21). In diesem letzten Fall muss zumindest teilweise von einem teacher code-switching gesprochen werden. Der deutsche Einschub kann einer Worterläuterung dienen (19) sowie der erleichterten Aufnahme eines Teils der Botschaft (in Beispiel 20 wird eine von zwei Fragen auf Schweizerdeutsch gestellt) oder sogar des Kerns der Botschaft (in Beispiel 21 wird die Frage, die zum Verfassen der SMS veranlasst, auf Schweizerdeutsch gestellt, während sich die Verwendung des Rätoromanischen auf den Rahmenteil – Begrüssung, Information zum örtlichen Befinden und Verabschiedung – beschränkt28). In den beiden letzten Fällen (20/21) werden die Einschübe vermutlich auch der symbolischen Herstellung der Nähe dienen, ist doch das Schweizerdeutsche die Hauptsprache des Adressaten.
Während in Beispiel (21) der ganze Rahmenteil, der den Kern der Botschaft umgibt, rätoromanisch ist, so dass ein Code-Switching vom Rätoromanischen ins Deutsche stattfindet, enthält Beispiel (22) rätoromanische Einsprengsel im Rahmenteil (stest bain? "geht's dir gut?" und vessast vöglia? "hättest du lust"):
Diese SMS stammt von derjenigen rätoromanisch schreibenden Person (Nr. 690), die die meisten SMS verfasst hat (53), von diesen jedoch nur neun durchgängig auf Rätoromanisch. Als Muttersprache gibt diese Teilnehmerin nur das Schweizerdeutsche an, interessanterweise wechselt sie aber hier, in einer SMS, deren Empfängerin ebenfalls schweizerdeutscher Muttersprache zu sein scheint, ins Rätoromanische. Ist die Empfängerin ebenso zweisprachig wie die Verfasserin, so dass mit dem Code-Switching eine gemeinsame Gruppenzugehörigkeit markiert wird? Oder signalisiert die Verfasserin gegenüber ihrer (stärker deutschsprachigen) Korrespondentin ihre partielle Zugehörigkeit zur Gruppe der Rätoromanischsprachigen? 6 Jugendsprachliche MerkmaleDie SMS von zwei der drei Teenager und von elf der 13 Twens unseres Samples weisen, in unterschiedlicher Dichte, jugendsprachliche Merkmale auf. Die folgenden Beispiele stammen von zwei Teenagern (weiblich) (23/24) und von einer 24-jährigen Teilnehmerin (25):
Die Beispiele enthalten markante Merkmale der deutschen Jugendsprache: die "attention getter" hey/hei (23/25) und (och) man (24) (vgl. Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 134) sowie den Vulgarismus full schaiße (24), wo voll Scheisse aufgrund der Anglisierung voll → full und der die phonetische Realisierung imitierenden Graphie30 schaiße verfremdet wird. Ausserdem treffen wir Merkmale der schweizerdeutschen Jugendsprache an: die Verstärkungspartikel u, die in die Grussformel adufg – für at d'he u fich gugent ("hab dich so fest lieb", 24) – eingeflochten ist, und die Verwendung von fit in der Frage nach dem allgemeinen Wohlergehen (25). Rätoromanisches Eis fit? folgt schweizerdeutschem Bisch fit?, das sich an ursprüngliches Bisch zwäg? ("Bist du wohlauf?") anlehnt und von diesem den Bezug auf das allgemeine – nicht nur körperliche – Wohlergehen übernommen hat (cf. Dürscheid/Spitzmüller 2006: 18).31 Ein weiteres jugendsprachliches Sprachkontaktphänomen zeigt sich in der Anrede giönks (25), wo englisches junks in rätoromanischer Graphie wiedergegeben wird. Neben spezifisch jugendsprachlichen Entlehnungen findet sich stilistisch weniger markiertes deutsches Wortgut, das jedoch gerade deshalb, weil es sich kaum aufgrund lexikalischer Lücken motivieren lässt, einer Abgrenzung gegenüber der sprachpuristischen Haltung von Vertreterinnen und Vertretern der älteren Generationen dient: studienwoche und maturarais 'Maturareise, vor dem Abitur unternommene Klassenfahrt' (23) sind zwar Bezeichnungen, die sich aus dem Schulalltag aufdrängen, rätoromanische Äquivalente wären jedoch leicht verfügbar (jamna da studi 'Studienwoche', viadi da matura 'Maturareise'). Zu umgangssprachlich üblichem provisorisch (24) wurde das besonders nahe liegende rätoromanische Pendant provisori(c)amaing nicht bemüht, vielleicht auch wegen seiner Länge. Nicht vermieden wurden schliesslich der Germanismus aber sowie die ebenfalls aus dem Deutschen entlehnten Gesprächspartikel also (23), aifach 'einfach' und eba 'eben' (24), deren relativ hohe Frequenz im Gesprochenen gerade ein Merkmal der Jugendsprache ist (cf. Neuland 2008: 152, Dürscheid/Spitzmüller 2006: 21). Ein auffälliges Code-Switching stellt peccato! 'schade!' (23) dar, ist doch das Italienische heute nicht mehr eine Adstratsprache des Rätoromanischen.32 Dieses Einsprengsel erklärt sich vielleicht aus dem vorübergehenden Aufenthaltsort der surselvischen Verfasserin, die eine Mittelschule im Oberengadin besucht, wo das Italienische eine ziemlich starke Präsenz hat. Erwähnenswert ist auch ein innerrätoromanisches Code-Switching: die oberengadinische Form ideja 'Idee' in der auf Surselvisch verfassten Textnachricht (23). Ein nicht sprachkontaktbedingtes expressives Element ist die Augmentativbildung bütschuun 'Riesenkuss' (abgeleitet von bütsch 'Kuss' mit dem Suffix -un), wobei die expressive Komponente mit einem graphischen Mittel – durch Vokalverdoppelung im Augmentativsuffix – zusätzlich verstärkt wird (24). Bütschuun 'Riesenkuss' ist auch eine Parodie des mit gelängten Vokalen ausgesprochenen Diminutivs bütschins 'Küsschen' (Pl.), mit dem sich die Fernsehmoderatorin Tonia Maria Zindel nach der bis Ende 2009 ausgestrahlten rätoromanischen Gutenachtgeschichte jeweils vom Publikum verabschiedete. Abschliessend sei auf Ökonomieverfahren auf der syntaktischen Ebene hingewiesen, die vermutlich durch das Kommunikationsmedium Mobiltelefon begünstigt werden. In Beispiel (23) werden in jeu sun naven da venderdis studienwoche ("ich bin ab freitag studienwoche") Präposition und Artikel ausgelassen (ella/en ina studienwoche, "in der/in einer Studienwoche"). Die "vervollständigte" Konstruktion offenbart eine frappante Lehnsyntax. Für ich bin in der/einer Studienwoche wäre rätoromanisches – nicht so viele Zeichen beanspruchendes – jeu hai l'/in'jamna da studi ("ich habe die/eine Studienwoche") angebracht. In Beispiel (25) wird das Prädikatsadjektiv fit im Fragesatz unter Auslassung der Kopula eis 'bist (du)' verwendet, womit die Mitteilung einen sehr informellen Charakter erhält. Jugendsprachlich geprägt sind auch die SMS einer 27-jährigen (26/27) und einer 28-jährigen Teilnehmerin (28):
In dieser zweiten Reihe von Beispielen zur Veranschaulichung jugendsprachlicher Elemente (26-28) ist einerseits der kreative Umgang mit der Sprache bei einer der beiden Teilnehmerinnen (26/27) bemerkenswert, andererseits ein Aspekt der morphologischen Assimilation von Entlehnungen, der sich beim Substantiv flitzra 'Flitzerin, Raserin' (27) und beim Adjektiv geila 'geil' f. (28) zeigt. Die Kreativität äussert sich auf unterschiedlichen Ebenen: in einer Stilmischung, in der auf Analogie basierenden, bisher nicht üblichen reflexiven Verwendung eines Verbs sowie im Einschub einer onomatopoetischen Lautverbindung im Innern eines Wortes:
Die morphologische Assimilierung, die sich bei femininen Formen von Entlehnungen manifestiert – hier bei der Bildung flitzra 'Flitzerin, Raserin' (27), wo das deutsche Genussuffix -in durch rätoromanisches -a ersetzt wird, und beim Adjektiv geila 'geil' f. (28) –, wirken aufgrund ihrer Verbindung eines deutschen lexikalischen Morphems und eines rätoromanischen grammatischen Morphems, das eine eigene Silbe bildet, provokativer als isolierte lexikalische Morpheme (z.B. mask. flitzer, geil, ohne grammatische Morpheme) oder Entlehnungen, die lediglich ein Plural-s haben (welches zwei wichtige Gebersprachen, das Deutsche und das Englische, ebenfalls kennen). Die Hybridität scheint bei den zitierten Feminina stärker wahrgenommen zu werden. Ausser diesen markanten Merkmalen enthält die zweite Reihe von Beispielen (26-28) die bereits oben erwähnten Charakteristiken. Als Sprachkontaktphänomene seien einerseits jugendsprachliche Entlehnungen genannt – die affektiv modifizierte Begrüssung Hallöchen (26), die Verstärkungspartikel u (26) und jenes (27) sowie die Adjektive cool (26) und easy (28) –, andererseits weniger markierte Entlehnungen, die ebenfalls zu einer Distanzierung von der puristischen Schriftnorm beitragen, darunter graphisch und morphologisch angepasstes jacca (von dt. Jacke) anstelle von giacca, geschmeichelt, zu dem der wenig verbreitete Gallizismus flattau eine Alternative böte (27), die nicht ersetzbaren Internationalismen impro-jam und doodle sowie die aus dem Schweizerdeutschen übernommene Kurzform medis 'Medikamente' (28). Expressive Elemente aus eigensprachlichem Material sind der Diminutiv bunet 'Küsschen' (abgeleitet von buna 'Kuss', 26/27) und das als Verstärkungslexem verwendete Adjektiv/Adverb sul 'unheimlich' (28). Ein sehr informeller Sprachgebrauch wird mit der Verkürzung des unbestimmten Artikels üna zu na (28) signalisiert. Die Stellung dieses Artikels nach dem Verstärkungslexem sul verrät schliesslich deutsche Lehnsyntax: sul na geila impro-jam ("echt 'ne geile Impro-jam") statt der rätoromanischen Wortfolge (ü)na sul geila impro-jam. 7 EllipsenIn den rätoromanischen SMS fallen zahlreiche Ellipsen auf, nicht nur vor dem Hintergrund der jeweiligen durch die Schule vermittelten regionalen Schriftnorm, sondern teilweise auch vor dem Hintergrund der sprechsprachlichen Norm. Die unten stehenden Beispiele sollen einen Überblick über die ausgelassenen Kategorien geben, die jeweils in Zitat und Übersetzung in eckigen Klammern ergänzt sind. In den beiden ersten Beispielen fehlen Artikel (29) und Präpositionen in Verbindung mit dem Artikel (30). Ausgelassenes präsentatives esser 'sein' (29) könnte auch in der Sprechsprache fehlen.
Während Artikel und Präpositionen sporadisch ausgelassen werden, ist die Ellipse des proklitischen Subjektpronomens, die in den folgenden Beispielen veranschaulicht wird, ein sehr häufiges, für die rätoromanische SMS-Kommunikation charakteristisches Phänomen.
Bei der Auslassung des Subjektpronomens handelt es sich nicht um eine Neuerung, sondern um einen bereits in der Literatur des 16. und 17. Jahrhundert im Engadin – allerdings nur für die 1., 3. und 6. Person – bezeugten Gebrauch (cf. Linder 1987: 22f.). Im 19. Jahrhundert ist dieser auch für die 2. und 4. Person belegt. Bei Giovannes Mathis, einem Engadiner Autor des 19. Jahrhunderts, bezeichnet Linder (1987: 23) die Ellipse des Subjektpronomens als Marotte, "die von heutigen Sprechern nicht mehr akzeptiert wird". Im Zuge des antiitalienischen Purismus im Engadin in den 1910er bis 1930er Jahren wurde diese Eigenheit der Schriftsprache als Italianismus kritisiert und verschwand darauf weitgehend aus der Literatur (cf. Linder 1987: 24f., 31). Linder sieht in der Ellipse des Subjektpronomens auch ein Phänomen, "das den Briefstil des 19. Jahrhunderts charakterisiert, ein stilistisches Phänomen, das wir auch im Deutschen finden: „Sind gut angekommen“ statt „Wir sind…“, „Habe soeben mit XY telefoniert“ statt „Ich habe…“ etc." (Linder 1987: 21). Während allerdings die Auslassung des Subjektpronomens der 1. und 4. Person im Briefstil ihre Begründung in der Zurücknahme der Schreibenden hatte, die sich aus Höflichkeit den Adressaten gegenüber nicht nennen wollten (Reh 2003: 214), ist die Ellipse des Subjektpronomens im SMS-Sprachgebrauch, zumindest anfänglich, ein Verfahren, das dem Einsparen von Platz und von Zeitaufwand dient.35 Diese Motivation legt eher eine Verbindung zum Telegrammstil nahe (cf. "Ankomme Freitag 17 Uhr" für "Ich komme am Freitag um 17 Uhr an", wo mit dem Auslassen von Wörtern Kosten gespart wurden). Bezüglich des in der deutschen SMS-Kommunikation häufigen Wegfalls des nicht emphatisch hervorgehobenen Subjektpronomens im Vorfeld (_ Bin gleich wieder da) bemerkt Dürscheid (2002: 15), dass die Konstruktion an sich nicht neu sei, dass die Neuigkeit lediglich in der Häufigkeit des Auftretens liege. Wie im Deutschen lässt sich auch im Rätoromanischen die erneute Zunahme eines bereits zu einer früheren Zeit verbreiteten Phänomens feststellen. Die Verhältnisse in unserem SMS-Korpus nähern sich also den in der engadinischen Schriftsprache des 19. und des Beginns des 20. Jahrhunderts beobachteten Verhältnissen an und heben sich somit deutlich von der neueren schriftsprachlichen Praxis ab, die Linder (1987: 21) zu folgendem Schluss kommen liess: "Die Auslassung des Subjektpronomens, da wo es heute im Bündnerromanischen in proklitischer Stellung zu stehen käme, ist ausgesprochen selten".
In unserem kleinen Korpus sind besonders die Daten zur gut belegten 1. Person aussagekräftig, bei der das nicht emphatisch hervorgehobene Subjektpronomen in zwei Dritteln aller Fälle ausgelassen wird. Auffällig ist die gegenläufige Tendenz in den auf Rumantsch Grischun verfassten SMS. 17 der 19 Setzungen des Pronomens sowie die beiden Ellipsen gehen auf das Konto der Hauptverfasserin (Nr. 674) von SMS auf Rumantsch Grischun. Die beharrliche Verwendung des Pronomens kann man damit erklären, dass sich diese Verfasserin bemüht, gegenüber ihrem Freund, der erst Rätoromanisch lernt, eine normkonforme Varietät zu verwenden. Die beiden Ellipsen befinden sich bezeichnenderweise in zwei Nachrichten, welche diese Verfasserin an eine andere Person geschickt hat. In der Proklise kann im Engadinischen ausser dem Subjektpronomen auch das Objektpronomen wegfallen. Die beiden Ellipsen können zusammen vorkommen, wie im folgenden Beispiel:
In den surselvischen SMS ist die Ellipse der Auxiliarverben des zusammengesetzten Perfekts und der Kopula belegt, stets in Verbindung mit der Ellipse des Subjektpronomens:
Während im Deutschen nur das enklitische Subjektpronomen der 2. Person ausgelassen zu werden scheint (cf. oben Fussnote 15), kennt das Rätoromanische die Ellipse des enklitischen Subjektpronomens der 1., 2., 4. und 5. Person. In diesem Zusammenhang sei auf die beachtliche Frequenz der enklitischen Position im Rätoromanischen hingewiesen, die daraus resultiert, dass das Rätoromanische, wie das Deutsche, eine Verb-Zweit-Sprache ist (cf. Kaiser 2003: 312). Die Ellipse in der Enklise kann allerdings im Rätoromanischen höchstens teilweise als charakteristisch für die SMS-Kommunikation gelten. In der 2. und 5. Person ist nämlich die Auslassung des enklitischen Subjektpronomens besonders häufig (cf. Ganzoni 1977: 64, Spescha 1989: 334, 563 und Kaiser/Hack 2010: 87-89), wobei sich eine Abstufung zwischen der regelmässigen Auslassung in der engadinischen Sprechsprache (cf. Linder 1987: 53), und der sporadischen Setzung im Surselvischen – mit einer Differenzierung zwischen seltenerem Gebrauch in der Sprechsprache und häufigerem Gebrauch in der Schriftsprache – beobachten lässt. Die sich in unserem Korpus ergebenden Verhältnisse bei der 2. und 5. Person (dazu die Beispiele 36/37) sind also keineswegs spezifisch für die SMS-Kommunikation, sondern veranschaulichen, besonders beim Surselvischen, den konzeptionell mündlichen Charakter dieses Schreibens. Auffällig ist in unserem Korpus auch der relativ hohe Anteil von Auslassungen bei der 1. Person (dazu die Beispiele 38/39), bei der die schriftsprachliche Norm die Setzung des Pronomens verlangt, während in der Sprechsprache die Ellipse vorkommt, jedoch deutlich weniger häufig als bei der 2. Person. Unterschiedliche Tendenzen in der 1. und 2. Person weisen auch Kaiser und Hack (2010: 88) in ihrer Untersuchung zum umgangssprachlichen Gebrauch nach. Eine gute Hälfte ihrer Befragten, die in einem Fragebogen mit Satzbeispielen mit und ohne enklitischem Subjektpronomen konfrontiert wurden, gab in Bezug auf die 1. Person an, dass sie die Variante ohne Subjektpronomen verwenden würde; bei der 2. Person waren es dagegen vier Fünftel, die der Variante ohne Subjektpronomen den Vorzug gaben.
Tabelle 8: Enklitisches Subjektpronomen
In Beispiel (36) zum Vallader erscheint das ergänzte enklitische Pronomen der 1. Person in einer phonetisch reduzierten Form -a [ɐ], und hebt sich somit vom proklitischen Pronomen eu [ɛ(u̯)] ab. In Beispiel (37) zum Surselvischen, wo ebenfalls beide Positionen vorkommen, ist kein entsprechender Unterschied sichtbar, weil im Surselvischen das phonetisch reduzierte enklitische Subjektpronomen der 1. Person, [u] bzw. nach Vokal [u̯], in der Standardorthographie – an die sich auch alle Teilnehmenden der Untersuchung gehalten haben – nicht notiert wird. Neben schriftsprachlichem sun(del) jeu 'bin ich' und hai(el) jeu 'habe ich' sind z.B. in der Presse39 folgende konzeptionell mündlichen Varianten bezeugt: sund'jeu, die Formen mit dem Morphem der 1. Person -el40 und der Ellipse des enklitischen Pronomens (sundel, haiel) sowie die Formen mit anlautendem v- zu haver 'haben' (vai jeu, vaiel [jeu])41. Die phonetischen Realisierungen sind ['sun(d)jɛu̯] (cf. DRG 5: 712), ['sundəl(jɛu̯)] und ['sundu] (cf. DRG 5, 725) bzw. ['ajɛu̯]/['ajəl(jɛu̯)] sowie ['vajɛu̯]/['vajəl(jɛu̯)] und [vau̯]. Neben den sprechsprachlich markierten Formen, die bereits Eingang in gewisse Register der Schriftsprache gefunden haben, wären also, als an die Aussprache angelehnte Graphien, auch sundu und vau denkbar. Diese kommen jedoch in unserem Korpus nicht vor. Die synthetische, das enklitische Pronomen einschliessende Form vau würde nicht einmal mehr Zeichen beanspruchen als die in Beispiel (37) verwendete Verbalform hai, nach der das Subjektpronomen ausgelassen ist. Die Tendenz zur Ellipse des Subjektpronomens (bei welcher die gewohnte Graphie der Verbalformen belassen wird) scheint stärker zu sein als die Neigung zur phonetischen Wiedergabe von ausdrücklich Sprechsprachlichem. 8 AbkürzungenAbschliessend geben wir eine Übersicht über die Abkürzungen, die im rätoromanischen Teil des SMS-Korpus auftreten. Aus den vorliegenden Daten kann geschlossen werden, dass das Verkürzen stark in Anlehnung ans Deutsche praktiziert wird, dass also Abkürzungen, die sich zum Teil von Region zu Region unterscheiden, gerade deshalb leicht dekodierbar sind, weil in denselben pragmatischen Kontexten bzw. für dieselben Inhalte wie im Deutschen abgekürzt wird. Eine prominente Stellung haben verkürzte Verabschiedungsfloskeln, die Liebes- und Freundschaftsbezeugungen enthalten können oder auch alleine aus solchen bestehen können. Zur Hauptsache handelt es sich dabei um Akronyme, die in Anlehnung an deutsche Akronyme entstanden sind, wie cs = cars salids/chars salüds, das deutschem lg = liebe grüsse entspricht. Das c in cs wird zwar bisweilen auch als cordials 'herzliche' (pl.) glossiert, in der vor allem informellen SMS-Kommunikation ist es wohl aber häufiger als cars/chars 'liebe' (pl.) zu verstehen. Die Abkürzung cs ist die einzige wirklich etablierte: Sie wird von 14 Teilnehmenden, d.h. fast von der Hälfte aller rätoromanisch Schreibenden, in insgesamt 44 Botschaften verwendet. Die anderen Abkürzungen sind jeweils nur bei einer Person belegt, wenn man von buna n8 = buna not(g) 'gute Nacht' absieht, das zweimal vorkommt. Auch diese Rebusschreibung, die darin besteht, dass ein Zahlzeichen die dem Zahlwort entsprechende Buchstabenfolge ersetzt, hat ein deutsches Vorbild, gute n8: Die Acht – im Surselvischen otg [ɔʨ] und im Vallader ot – deckt in der Schreibung not(g) die auf den Anfangsbuchstaben n folgenden Buchstaben ab, ebenso wie dies im deutschen Nacht der Fall ist (im Puter, wo die beiden Wörter och [ɔʨ] und not lauten, wäre diese Graphie nicht möglich). Die Akronyme adg, adfg und admmmfg lassen sich neben die (schweizer)deutschen Akronyme hdg = ha di gern, hdl = ha di lieb/hab dich lieb sowie Varianten mit den Verstärkungslexemen fest und mega stellen. Rätoromanisches (Puter) atOb.pr. d'heVerb gugentAdv. kommt schweizerdeutschem haVerb diOb.pr. gernAdv. besonders nahe (gegenüber dem Ausdruck hab dich lieb), entspricht doch die semantische Extension von (avair) gugent weitgehend derjenigen von gern (ha). In beiden Fällen wird zudem das Subjektpronomen weggelassen, so dass ein dreigliedriger Basisausdruck entsteht, der sich mit (multiplizierbaren) Verstärkungslexemen kombinieren lässt. Als Verstärkungslexem in adfg nimmt man aufgrund der Gebrauchsnorm fich 'sehr' an: at d'he fich gugent ("hab dich sehr/fest gern"). Im Fragebogen liefert allerdings die Teilnehmerin eine Glossierung der Variante admmmfg, in der sie f als ferm 'stark' erklärt, was einer zusätzlichen Intensivierung gleichkommt.
Eine weitere semantische Gruppe bilden abgekürzte Zeitangaben. Zwei Abkürzungen von Wochentagen sind belegt, me = mesjamna 'Mittwoch' (ID 832, SMS 11177) und dum = dumengia 'Sonntag' (ID 721, SMS 9048; ID 3331, SMS 10401), in partieller Anlehnung an den in anderen Sprachen verbreiteten Usus, die Wochentage mit den ersten Buchstaben und ohne Punkt abzukürzen (bei dum = dumengia mag die Verwendung der ersten drei Buchstaben erstaunen, wäre doch mit den ersten beiden, du, bereits die erste Silbe repräsentiert). Die nur bei einem Verfasser auftretenden Akronyme für die Tageshälften, am = avonmiezdi (ID 832, SMS 13973) und sm = suentermiezdi (ID 832, SMS 11180 / 13973), folgen dem deutschen Vorbild Vm = Vormittag und Nm = Nachmittag. Schliesslich findet sich die entlehnte Abkürzung w-end (cf. das obige Beispiel 5). Unter den übrigen Abkürzungen registrieren wir zwei spontane rätoromanische Abkürzungen mit Punkt, engr. = 'Danke' (ID 977, SMS 14238) und dif. = different(a)s 'verschiedene' (pl., ID 674, SMS 12039), die aus dem Deutschen entlehnte Abkürzung evtl. (ID 977, SMS 14230), die im rätoromanischen Text als eventualmein zu lesen ist, sowie die internationale Abkürzung tel., die je nach Kontext für das Substantiv telefon – mit den Bedeutungen 'Anruf' (ID 826, SMS 12223; ID 832, SMS 11176) und 'Telefongerät' (ID 3222, SMS 12429) – oder für das Verb steht: telefonar 'telefonieren' (ID 680, 13809), telefoneschel '(ich) telefoniere' (ID 680, SMS 8050; ID 3222, 17967). 9 Schluss und AusblickDie zum Rätoromanischen vorliegenden Daten haben uns erlaubt, varietätenlinguistische und sprachkontaktbezogene Fragestellungen zu skizzieren. Die Abweichungen von der regionalen Schriftnorm in den rätoromanischen SMS ergeben sich durch die Verwendung von Mundartlichem, durch die Wiedergabe phonetischer und morphosyntaktischer Merkmale der regionalen Sprechsprache sowie aufgrund der für die Sprechsprache allgemein charakteristischen lexikalischen und syntaktischen Germanismen, die ihrerseits zu einem grossen Teil regionalspezifisch ausgeprägt sind. Allgemeine Tendenzen mit regionalspezifischen Ausprägungen lassen sich auch in jugendsprachlichen Merkmalen, bei den für die computergesteuerte Kommunikation charakteristischen Abkürzungen sowie bei den typischen Ellipsen im SMS-Sprachgebrauch feststellen. Am wenigsten an regionalspezifische Züge gebunden ist das Code-Switching ins Deutsche, der Dominanzsprache, die alle Domänen zumindest mitbesetzt und somit für die Rätoromaninnen und Rätoromanen zu einer Referenzsprache geworden ist, zu der jederzeit gewechselt werden kann und die auch als Brückensprache zwischen Sprecherinnen und Sprechern verschiedener Regionen zur Verfügung steht. Charakteristisch für die Situation einer Minderheitensprache sind das besondere Gewicht der Sprachkontaktphänomene infolge des Drucks der Dominanzsprache sowie die Tatsache, dass die Norm, von der man sich distanziert, von nur regionaler Tragweite ist, für die Benutzerinnen und Benutzer also bei Weitem nicht den Stellenwert erreicht, den eine "grosse" Standardsprache für ihre Benutzerinnen und Benutzer einzunehmen pflegt. Da Rätoromanisch im Allgemeinen wenig geschrieben wird, wäre es wichtig, in Erfahrung zu bringen, ob rätoromanische SMS vorwiegend von der kleinen Gruppe der häufiger rätoromanisch Schreibenden (Lehrkräfte sowie Mitarbeitende der lokalen und kantonalen Verwaltung, des Medienbereiches und der Sprach- und Kulturorganisationen) verfasst werden oder ob auch Rätoromanisch Sprechende, die sonst wenig bis gar nicht rätoromanisch schreiben, das Rätoromanische (regelmässig) in der SMS-Kommunikation verwenden. Bei Letzteren erhielte der durch die neue Kommunikationsform veranlasste schriftliche Gebrauch des Rätoromanischen eine besondere Prominenz. Der Stellenwert der SMS-Kommunikation innerhalb der allgemeinen Schreibgewohnheiten müsste im Rahmen einer neuen Datenerhebung untersucht werden, die speziell auf die Erforschung der Situation der Minderheitensprache in ihrer Koexistenz mit der Dominanzsprache ausgerichtet wäre. Neue Datenerhebungen drängen sich auch aufgrund der aufgezeigten Nichtrepräsentativität des rätoromanischen Samples sowie angesichts des bescheidenen Umfangs des Subkorpus rätoromanischer SMS auf. Letzterer Aspekt ist wegen der Zersplitterung des Rätoromanischen in regionale, z.T. stark voneinander divergierende Varietäten doppelt nachteilhaft: Je nach Untersuchungsgegenstand wird die Datenbasis nochmals eingeengt. Dies betrifft z.B. die Ebene der Morphosyntax, wo bisherige Untersuchungen deutlich gemacht haben, dass das sprachliche Funktionieren sowie Normtendenzen regionenspezifisch zu erforschen sind. Eine Unterteilung in regionale Subkorpora drängt sich auch bei Phänomenen des Sprachkontakts auf, der in jeder Region Romanischbündens seine Ausprägung hat. Nicht nur das Vorhandensein eines Sprachkontaktphänomens ist relevant, sondern auch seine – je nachdem unterschiedliche – Stellung innerhalb der regionalen Varietäten. Für die Erforschung des Rätoromanischen in der computervermittelten Kommunikation wären auch Daten zu anderen Kommunikationsformen zu sammeln, die zudem als Vergleichsbasis zu den Daten zur SMS-Kommunikation von Interesse sein können. Wir denken dabei vor allem an Daten aus Internetplattformen, die von Vereinen und Institutionen in Graubünden betrieben werden. Besondere Bedeutung für die Gewinnung rätoromanischen Materials kommt hier z.B. den elektronischen Gästebüchern zu. Erwähnt seien insbesondere Gästebücher von bündnerischen Jugendvereinen, deren Einträge oft einen informellen, situationsgebundenen Sprachgebrauch widerspiegeln und manchmal chat-ähnliche Sequenzen bilden.42 Ergiebig sind auch Gästebücher von Sportvereinen, Frauenvereinen, Fasnachtsvereinen und Websites von Institutionen wie z.B. Radio e Televisiun Rumantscha (RTR), das für die rätoromanische Schweiz zuständige Tochterunternehmen der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) (siehe unter www.rtr.ch). Zudem können Einträge auf Facebook, Twitter und MySpace interessante Sprachdaten zum Rätoromanischen liefern. Allerdings setzt diese Datenerhebung das Einholen der Zustimmung der Kommunikationspartner, deren Texte verwendet werden sollten, voraus, ist also wegen der eingeschränkten Zugänglichkeit der Daten mit einem besonderen Aufwand verbunden.43 Viele der genannten Internetplattformen sind auch deshalb von Interesse, weil sich hier die Stellung der Minderheitenspache Rätoromanisch im Kontext von Mehrsprachigkeit zeigt und der Umgang der rätoromanisch Schreibenden mit dieser Situation unmittelbar erfasst werden kann. Anmerkungen:*Christa Dürscheid (Zürich) danke ich für die Überprüfung meines Textes und ihre wertvollen Anregungen. Zu Dank bin ich auch folgenden Personen, für ihre Hinweise zum Text und ihre sprachlichen Auskünfte, verpflichtet: Sidonia Klainguti (Samedan), Silvana Derungs (Chur/Surcasti), Clau Solèr (Chur/Lumbrein), Clà Riatsch (Bern/Ramosch), Ricarda Liver (Lützelflüh), Barbara Strebel (Hombrechtikon/Chur) und Valeria Badilatti (Zürich/Zuoz). zurück 1Dem Terminus "Bündnerromanisch", der in der Wissenschaft als Bezeichnung für das Rätoromanische Graubündens verwendet wird, ziehen wir für unsere Ausführungen den in der Deutschschweiz üblichen Terminus "Rätoromanisch" (ohne weitere Bestimmung) vor. Mit diesem Terminus wurden auch die rätoromanischsprachigen Teilnehmenden unserer Erhebung in dem auf Deutsch verfassten Fragebogen konfrontiert, und sie verwendeten selbst diesen Terminus in ihren Bemerkungen. In der Wissenschaft wird "Rätoromanisch" zur Bezeichnung eines Typs romanischer Sprachen gebraucht, der neben dem Bündnerromanischen das in den italienischen Provinzen Bozen, Trient und Belluno gesprochene Dolomitenladinische sowie das im Nordosten Italiens gesprochene Friulanische einschliesst (cf. Liver 2010: 15). Die Sprachbezeichnung "Bündnerromanisch" wird jedoch im Alltag nie verwendet (sie verweist auch auf eine Sprachklassifikation, die für die Sprachbenutzerinnen und -benutzer nicht von Belang ist). Im Kanton Graubünden – nicht nur in der Alltagskommunikation, sondern auch in den Medien und in einem Teil der amtlichen Dokumente – lautet das Glottonym sehr unspezifisch schlichtweg "Romanisch". zurück 2Cf. dazu einige Hinweise am Schluss dieses Beitrags. zurück 3Es handelt sich
um diejenigen Personen, die mindestens bei einer der drei Fragen zu den Sprachen
im Volkszählungsfragebogen (BFS 2000: 2) das Rätoromanische
angegeben haben:
4Für Scuol, den Hauptort des Unterengadins, sind jedoch dialektale Formen vom Typ has '(du) hast' (DRG s. avair, zu Punkt E 16), fas '(du) machst' und sas '(du) weisst' für unterengadinisches hast [aʃ], fast [faʃ] und sast [saʃ] belegt. zurück 5Filisur hatte 1880 ein gutes Drittel Rätoromanischsprachiger, 1941 waren es knapp über 10% und im Jahr 2000 noch 7,3% (cf. Furer 2005: 141). Seit Ende des 19. Jahrhunderts gilt Filisur als weitgehend germanisiert (www.filisur.ch > Unser Dorf > Geschichte, Stand 19.9.2011). Schule und Verwaltung sind deutsch (cf. Furer 1996: 131). 2009 wurde infolge der Fusion der Primarschule mit der Nachbargemeinde Bergün, wo traditionell Rätoromanisch unterrichtet wird, fakultativer Rätoromanischunterricht eingeführt. zurück 6Die Angaben "Mittelschulabschluss" und "Hochschulabschluss" wurden nicht immer korrekt gewählt. Sie findet sich auch bei Personen, die diese Abschlüsse erst anstreben. zurück 7Als Grundlage für diese Ausgleichssprache wurden in erster Linie drei der fünf traditionellen Regionalschriftsprachen gewählt (Surselvisch, Surmeirisch und Vallader, cf. Schmid 1982). Innerhalb des damit gegebenen Variationsspektrums wurde nach dem Mehrheitsprinzip entschieden. In Fällen, in denen die genannten Regionalschriftsprachen keine ausreichende Entscheidungsgrundlage lieferten, wurden auch die beiden anderen Regionalschriftsprachen (Puter und Sutselvisch) sowie die dialektalen Verhältnisse berücksichtigt. Weitere Entscheidungskriterien waren die regionale Ausgewogenheit, die möglichst breite Verständlichkeit und die formale Transparenz (für weitere Grundinformationen zum Rumantsch Grischun cf. Gross 2004: 92-99). In der lexikalischen Semantik und in der Syntax, wo sich aufgrund divergierender regionaler Gebrauchsnormen beträchtliche Variationsspektren ergeben, kann die Standardisierung allerdings noch nicht als abgeschlossen gelten. zurück 817'897 von 33'450 Personen, d.h. die Rätoromanisch Sprechenden der traditionell rätoromanischen Gemeinden der Bezirke Vorderrhein, Glenner und Imboden (Grünert et al. 2008: 48f.). Die rätoromanischen Gemeinden des Bezirks Imboden werden, mit der Ausnahme von Flims, aufgrund ihrer Mundarten als sutselvisch eingestuft, schriftlich verwenden sie jedoch traditionell das Surselvische. zurück 911'772 von 33'450 Personen, d.h. die Rätoromanisch Sprechenden der traditionell rätoromanischen Gemeinden der Bezirke Münstertal, Inn und Maloja (Grünert et al. 2008: 45f.). zurück 10Ausser der Person (Nr. 1118), die in der Tabelle mit drei Varietäten erscheint, ist eine Person zu erwähnen (Nr. 674), die im Fragebogen angibt, ausser den beiden im Korpus dokumentierten Varietäten, dem Rumantsch Grischun und dem Surselvischen, auch das Puter zu verwenden. zurück 11Die Gemeinde Domat/Ems liegt ausserhalb desjenigen Teils der Sutselva, für den die sutselvische Schriftsprache entwickelt wurde (die Regionen Schams, Domleschg und Heinzenberg; cf. Mani 1977: IX). Der Dialekt von Domat/Ems wird dem Sutselvischen zugeordnet (cf. DRG, Bd. 1: 24), die traditionelle Schriftvarietät ist jedoch das Surselvische. Wie unser Kommentar zu der im Emser Dialekt verfassten Textnachricht zeigt (siehe unten, Beispiel 4), sind die Abweichungen vom Schriftsurselvischen beträchtlich. zurück 12Zur nicht unumstrittenen Klassifikation dieses Lautes cf. Schmid (2010). zurück 13 Alle zitierten SMS und Teile von SMS werden mit der Identifikationsnummer der Person (ID) und der SMS-Nummer versehen. Anschliessend folgt eine Übersetzung ins Deutsche, die nicht den Anspruch erhebt, stilistisch durchweg adäquat zu sein, sondern vor allem der Verständnishilfe dient. In der Übersetzung übernehmen wir die Klein- und Grossschreibung des Originals. Im Deutschen ist zwar die Kleinschreibung bei Substantiven, anders als im Rätoromanischen, markiert, sie ist jedoch eine in der SMS-Kommunikation oft wahrgenommene Möglichkeit, Tippaufwand einzusparen. Dass auch rätoromanisch Schreibende die Kleinschreibung als Ökonomieverfahren nutzen, wird aus der Kleinschreibung von Orts- und Personennamen sowie von Wörtern am Satzbeginn deutlich. zurück 14Im Deutschen könnte hier, ebenso wie im Rätoromanischen, das enklitische Subjektpronomen wegfallen. Wir verzichten jedoch in den Übersetzungen auf eine solche Ellipse, da diese im Deutschen einen anderen Stellenwert hat. Im Rätoromanischen ist die Auslassung des enklitischen Subjektpronomens der 2. Person in der Umgangssprache (im Engadin auch in der Schriftsprache) unmarkiert, während die entsprechende Auslassung im Deutschen stark sprechsprachlich markiert ist. zurück 15Das Verb mit der lokalen Präzisierung, trametter giò 'herunterschicken', impliziert hier "aus dem Engadin ins Unterland schicken". zurück 16Cf. die gemeinsame Behandlung von co und sco im DRG (Bd. 4: 1-7). zurück 17Dass generalisiertes scu im umgangssprachlichen Puter schon lange eine Realität ist, lässt sich aus einer Passage in Reto Caratschs Satire La Renaschentscha dals Patagons ("Die Wiedergeburt der Patagonier") von 1949 schliessen, wo die von Puristen geforderte Unterscheidung zwischen cu und scu aufs Korn genommen wird: "Scha qualchün s'incarognaiva da pcher cunter las reglas dal s-chet patagon, sch'el faiva pastrügls cul gerundi, tschavattaiva cunter il conjunctiv, confundaiva cu e scu, cuas e scuas, faiva nos specialist ün sagl tres l'ajer…" ("Wenn jemand hartnäckig gegen die Regeln des reinen Patagonischen sündigte, wenn er mit dem Gerundium ein Durcheinander anstellte, mit dem Konjunktiv pfuschte, cu und scu, cuas ['Schwänze'] und scuas ['Besen'] verwechselte, machte unser Spezialist einen Sprung durch die Luft...") (Caratsch 1983: 38). zurück 18Zum Status der in der traditionellen Grammatik als neutral bezeichneten Formen cf. Wunderli (1993: 156). zurück 19Nach der lexikalischen Datenbank Pledari grond. zurück 20Neben der Präposition da ist auch die Präposition per möglich, die ausdrücklicher der Zweckbezeichnung dient. Die Beispiele zum Engadinischen sind in Vallader (Unterengadinisch) wiedergegeben. zurück 21Standarddeutsches Pate und Patensohn, das wir in der zur Verständnishilfe angeführten Übersetzung verwenden, wird von Deutschschweizerinnen und Deutschschweizern in der privaten Korrespondenz – umso mehr in der durch einen informellen Stil geprägten SMS-Kommunikation – nicht gebraucht. Im deutschen Teil des Schweizer SMS-Korpus sind nur Götti (in drei in Schweizerdeutsch und in vier in Standarddeutsch verfassten SMS) und Göttibueb (in einer in Schweizerdeutsch verfassten SMS) bzw. das phonetisch angepasste Göttibub (in drei in Standarddeutsch verfassten SMS) belegt. zurück 22Hier und in der Folge: Aufnahmepunkte und -gebiete des DRG (C 92 = Domat/Ems, S = Surselva, S 70–74 = Val Tujetsch, S 7 = Val Tujetsch und Val Medel, S 1–6 = die Surselva unter Ausschluss der Val Tujetsch und der Val Medel). zurück 23Zu den in den Beispielen (9) und (10) veranschaulichten Adverbien cf. Solèr (1999a: 96f.). Da die diatopischen Varietäten von nun an nicht mehr thematisiert werden, geben wir bei den Zitaten nach der Identifikationsnr. und der SMS-Nr. jeweils die Zugehörigkeit zur regionalen Varietät an. zurück 24Alle Namen wurden anonymisiert. zurück 25Zur Lehnsemantik bei Präpositionen cf. Solèr (1998: 157). zurück 26Zur Selbstverständlichkeit der Anleihen beim Deutschen cf. Solèr (2010: 415f.): "Contrairement à beaucoup de communautés plurilingues, la compétence linguistique, tant du romanche que de l'allemand, et le thème du discours n'influencent pas le choix linguistique. Au cas déficitaire, on emprunte à tous niveaux (phonétique, morphologique, lexique et métaphorique) et applique la voie transcodique, le "Code mixing". Dans ces cas, il s'agit normalement déjà d'un domaine allemand en distribution complémentaire, diglossique, comme la formation professionnelle supérieure, les entreprises dépassant la région étroite et mme les loisirs (tv, cinéma, musique, magazines etc.)." Cf. in diesem Zusammenhang auch Solèr (1999a: 104f.): "Für zweisprachige Menschen, die über das Inventar zweier Sprachen (teilweise komplementär) verfügen, scheinen die definierten Sprachgrenzen ein kleineres Hindernis zu sein als eine stilistisch unpassende Variante. Die historische und definitorische Sprachgrenze, bzw. Zuteilung des Materials zu einer oder zur anderen Sprache, wird in der täglichen Kommunikationssituation gegenüber dem aktuellen kollektiven Wissen um Zeichen kaum beachtet […]." zurück 27Cf. Solèr (1998a: 158). Während im Surselvischen die Periphrase far il skypen üblich ist, bildet das Engadinische ein Verb, indem es entlehntes skype mit dem Verbalmorphem verbindet: skypar [skai̯'par] (Vallader)/skyper [skai̯'per] (Puter) 'skypen' (zu diesem Bildungstyp cf. Solèr 2003: 110). zurück 28Angesichts dieses Verhältnisses haben wir diese SMS in unserer Statistik (cf. oben Tabelle 1) als schweizerdeutsch eingestuft. Bei der Übersicht über die Varietäten in den SMS (Tabelle 4) haben wir präzisiert, dass in einer schweizerdeutschen SMS dieser Person auch Rätoromanisch-Segmente vorkommen. zurück 29Eventuell ein Verschreiber für den unbestimmten Artikel ina (ina biala sera, "einen schönen Abend"). zurück 30Zur Metagraphie in der rätoromanischen Jugendsprache cf. Derungs (2009: 80-85). zurück 31Im Rätoromanischen ersetzt Eis fit? (surselvisch)/Est fit? (engadinisch) als Frage nach dem allgemeinen Wohlergehen Eis en gamba?/Est in gamba? Der Ausdruck en/in gamba ist aus dem Italienischen (in gamba) entlehnt und war ursprünglich, aufgrund der Semantik in der Gebersprache wie englisches fit auf das körperliche Wohlergehen bezogen, hat dann aber – wohl ebenfalls aufgrund des Kontakts mit dem Schweizerdeutschen (zwäg) – die erweiterte Bedeutung 'wohlauf, in guter (körperlicher und seelischer) Verfassung' erhalten. zurück 32Zum historischen Sprachkontakt mit dem Italienischen cf. Diekmann 1982, Kristol 1985, Popovici 2006 sowie Grünert 2003, 2006 und 2009. zurück 33Z.B. surselvisch nus essen sevesi(das) 'wir haben uns gesehen' vs. engadinisch nus ans avain(s) vis(sas), fr. nous nous sommes vu(e)s, it. ci siamo visti/e. zurück 34 Rätoromanisches est intuorn (a Savognin) lässt sich besser mit schweizerdeutschem bisch ume (z Savognin) wiedergeben, von dem es eine Lehnübersetzung darstellt. Schweizerdeutsches ume si (wörtl. herum sein) bedeutet 'präsent sein', 'anzutreffen sein'. zurück 35Dass dies inzwischen nur noch teilweise zutrifft, hält Dürscheid (2003: 235) fest: "Es sind also nicht mehr nur Ökonomieanforderungen, die hier eine Rolle spielen. Vielmehr geht es auch darum, den an die Kommunikationsform herangetragenen Erwartungen gerecht zu werden". zurück 36Hier sind zwei Verwendungen aus dem einzigen sutselvischen Beleg (cf. oben Beispiel 4) eingeschlossen. zurück 37 Wörtlich: cun mai, "mit mir". zurück 38Da in der Umgangssprache hier sowie in Beispiel (35) das enklitische Subjektpronomen nicht verwendet würde, setzen wir es in eine zusätzliche Klammer. zurück 39Im Online-Archiv der rätoromanischen Tageszeitung La Quotidiana, wo alle Ausgaben ab Juni 1997 verfügbar sind (www.suedostschweiz.ch/archiv, Stand 19.9.2011). zurück 40 Während dieses Morphem bei den regelmässigen Verben im Indikativ Präsens und Imperfekt obligatorisch ist, bestehen bei verschiedenen unregelmässigen Verben im Indikativ Präsens Varianten mit und ohne -el. zurück 41Anlautendes v- in (jeu) vai '(ich) habe' erklärt sich aus Analogie zu den Pluralformen (nus) vein 'wir haben' und (vus) veis 'ihr habt' oder aus u von ego > eu (cf. Decurtins 1958: 151). zurück 42Cf. etwa die Websites der Vereine von Andiast, Rueun, Ruschein/Ladir, Samedan, Sent und Sta. Maria/Valchava (Links unter www.giuru.ch > Uniuns da giuventetgna [Stand 19.9.2011], auf den Websites der einzelnen Vereine jeweils die Rubrik cudisch [da hosps/visetas] / cudesch [da giasts] / guestbook).zurück 43Als weitere Quellen zur Untersuchung der computervermittelten Kommunikation seien institutionelle Websites genannt, wo das Rätoromanische für Sachinformationen vor allem in den Fällen ein Gewicht hat, in denen ein sprachgebundener Auftrag besteht – beim bereits erwähnten rätoromanischen Radio und Fernsehen, bei der Lia Rumantscha, der Dachorganisation der rätoromanischen Sprach- und Kulturvereine (www.liarumantscha.ch) – sowie in den stärker rätoromanischen Gebieten auf der lokalen Verwaltungsebene: vor allem in der Surselva, etwa in Laax, Disentis oder Tujetsch, sowie im Gebiet des Vallader, etwa in Scuol, Zernez oder in der Gemeinde Val Müstair (Links unter www.afg.gr.ch > Themen/Projekte > Informationen über Gemeinden > Gemeindeliste, Stand 19.9.2011). Insgesamt marginal – auch wenn im Ausbau begriffen – ist die Präsenz des Rätoromanischen auf den Websites der Ämter des dreisprachigen Kantons Graubündens (www.gr.ch, Stand 19.9.2011), wo die rätoromanische Fassung von Eingangsseiten sowie von ausgewählten Informationen eher eine symbolische Funktion erfüllt (cf. Grünert et al. 2008: 355-358). zurück LiteraturBFS 2000 = Personenfragebogen. Volkszählung 2000. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik. [= http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/infothek/erhebungen__quellen /blank/blank/vz/fragebogen.html, Stand 19.9.2011]. Caduff, Léonard (1952): Essai sur la phonétique du parler rhétoroman de la Vallée de Tavetsch (Canton des Grisons – Suisse). Bern: Francke. Caratsch, Reto (1983): "La Renaschentscha dals Patagons". In: ders.: Ouvras. Samedan, Stamparia Engiadinaisa: 17-118. Coray, Renata (2009): Rätoromanische Sprachbiographien. Sprache, Identität und Ideologie in Romanischbünden. 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